„So haben Sie Wagner noch nie gehört!” Vom Risiko der Neuinstrumentierung der Götterdämmerung sprach am Ende im Würzburger Mainfranken Theater niemand mehr. Eberhard Kloke hatte schon in Bochum und Nürnberg großangelegte Zyklen mit zeitgenössischer Musik-Programmatik vorgestellt, stieß in den Jahren um 1990 nicht überall auf begeisterte Musiktheater-Abonnenten. Seine jüngste Einrichtung von Wagners Götterdämmerung, die das originale Orchester von über 100 Musikern – allein 6 Harfen oder mehr als 60 Streicher! – auf die Proportionen eines mittelgroßen Orchestergrabens reduziert, wurde durch Enrico Calesso und das Philharmonische Orchester Würzburg bravourös aus der Taufe gehoben und vom Publikum einhellig begrüßt. Da werden etwa einige der geforderten Harfen durch eine Celesta ersetzt, ein Viertel der Bläser und fast die Hälfte der Streicher herausgenommen. Die verbliebenen Musiker haben dafür mehr zu tun, erschaffen trotzdem randvoll suggestiven Wagner-Sound, in dem Wagnertuben, Stierhörner und Kontrabassposaune ihren Platz behalten und weiter typische Ringfarben ausmalen.

Elena Batoukova-Kerl (Brünnhilde) und Paul McNamara (Siegfried) © Nik Schölzel
Elena Batoukova-Kerl (Brünnhilde) und Paul McNamara (Siegfried)
© Nik Schölzel

Es ist eher ungewöhnlich, dass eine Beschäftigung mit Wagners Ring zuerst in die Inszenierung der Götterdämmerung mündet. Dabei hat Wagner selbst seine Annäherung an die Nibelungensage mit dem Drama von Siegfrieds Tod begonnen und erst später den Jungen Siegfried und die Walküre zum besseren Verständnis der Verflechtungen vorangestellt. Der junge japanische Regisseur Tomo Sugao, nach spektakulären Inszenierungen von Meyerbeers Hugenotten und Adams’ Politoper Nixon in China bestens am Mainfranken Theater bekannt, lässt daher die in der Götterdämmerung vielfältig vorgetragene Vorgeschichte auch für den Zuschauer bildhaft werden: eine Hälfte der Handlung bewegt sich zwischen den Vitrinen eines Historienmuseums, in denen Rheingold, Walhalla oder die Weltesche wie konservierte Exponate bestaunt werden können und in denen die Auftritte von Brünnhilde, den Rheintöchtern oder dem stummen Wotan spielen. Paul Zoller hat das Bühnenbild dieser beeindruckenden Zeitreise entworfen; für die Szenen im Gibichungenpalast öffnet sich eine hohe, mit dichten auch als Projektionsfläche genutzten Stores umhängte halbrunde Halle. Carola Volles Kostümierung kleidet die mythologische Götterwelt in monochrome Anthrazittöne, zeichnet dagegen eine schrill-leuchtfarbene Gibichungen-Schickeria beschlipster Angestellter wie beschwipster genusssüchtiger Lebedamen am Broker-Schreibtisch.

Igor Tsarkov (Alberich) und Guido Jentjens (Hagen) © Nik Schölzel
Igor Tsarkov (Alberich) und Guido Jentjens (Hagen)
© Nik Schölzel

Wotan setzt sympathisierend auf den freien Held Siegfried, um sein Werk zu krönen, gegen seinen dunklen Gegenspieler Hagen, Sohn des Nibelungen Alberich, dessen Rheingold-Raub das unglückliche Drama erst ausgelöst hatte: Tomo Sugao fokussiert faszinierend deutlich auf die Konfliktsituation dieser Pole. Insbesondere Hagen ist dabei Triebfeder ebenso wie Getriebener, der keine Mutterliebe empfangen durfte und vom Vater zur Rückgewinnung des Goldschatzes instrumentalisiert wird. Hagens Machtbesessenheit, seine listige Zerstörung der Liebe zwischen Siegfried und Brünnhilde, Siegfrieds Ermordung: die Nornen, die bei Wagner eigentlich nur in der Vorspiel-Szene auftreten, erzählen dem jungen Hagen, der als Kinderstatist immer wieder auf der Szene präsent ist, aus dem Geschichtsbuch die wahre Historie, werden von Alberich dafür schikaniert. Starke Bilder und anrührende Seelenportraits, aber auch karikierende Gestik stummer Komparsen bleiben im Gedächtnis.

Paul McNamara (Siegfried), Akiho Tsujii (Woglinde), Silke Evers (Wellgunde), Hiroe Ito (Flosshilde)
Paul McNamara (Siegfried), Akiho Tsujii (Woglinde), Silke Evers (Wellgunde), Hiroe Ito (Flosshilde)

Bei Guido Jentjens bekam die facettenreiche Gestalt des Hagen enorme stimmgewaltige wie schauspielerische Präsenz: Arroganz, Zynismus und Gefühlskälte, aber auch sein listenreiches Wissen verschlugen den Atem. Selbst als Showmaster der Gibichungen-Feier im zweiten Aufzug wird er zum dämonischen Einpeitscher. Fast erschien sein warmer, kraftvoller wie farbenreicher Bass zu edel für Hagens dunklen Charakter. Im Gegensatz dazu hat Siegfried einfach zu wenig Argwohn; der irische Heldentenor Paul McNamara stellte die sprunghafte Begeisterungsfähigkeit und die gutgläubigen, fast naiven Züge des Siegfried heraus. Wie seine Rolle sprach auch sein Tenor kraftvoll und kernig an, kleidete Optimismus in klare Spitzentöne, versprühte lachende Wonne im Liebesduett mit Brünnhilde ebenso wie Verwunderung auf verwirrenden Waldwegen zwischen den Vitrinen.

Paul McNamara (Siegfried), Guido Jentjens (Hagen) und Kosma Ranuer (Gunther) © Nik Schölzel
Paul McNamara (Siegfried), Guido Jentjens (Hagen) und Kosma Ranuer (Gunther)
© Nik Schölzel

Die gestalterische Herausforderung von Wotans Lieblingstochter war bei Elena Batoukova-Kerls dramatischem Sopran in den besten Händen und Tönen, sie überzeugte vom Liebesduett des ersten Aufzugs bis zum Schlussmonolog vor lodernden Lichtflammen der Walhall-Kulisse. Hingebungsvolle, offenherzig-menschliche Empfindungen gelangen ihr ebenso berührend wie der Schlusspunkt einer über den Dämon Hagen strahlend siegenden Brünnhilde. In ungeschmälerter Intensität ihrer Sopranhöhe überwältigte sie am Schluss mit seligem Gruß an den toten Geliebten.

Silke Evers (Dritte Norn), Marzia Marzo (Erste Norn) und Barbara Schöller (Zweite Norn) © Nik Schölzel
Silke Evers (Dritte Norn), Marzia Marzo (Erste Norn) und Barbara Schöller (Zweite Norn)
© Nik Schölzel

Nicht weniger als die Gastsänger beeindruckten die heimischen Kräfte des Mainfranken Theaters mit bewundernswerter stimmlicher Brillianz in ihren Rollendebüts: als Waltraute gestaltete Sandra Fechner eine eindringliche Mahnung an Brünnhilde, der ein stummer Wotan im Walkürenkreis zusätzliche Bildkraft verschaffte. Den Gibichungen-Geschwistern Gutrune und Gunther gaben Claudia Sorokina und Kosma Ranuer imposante Charakterzeichnung, ohne Übertreibung bestimmend und machtgierig auch Igor Tsarkovs Alberich. Marzia Marzo, Barbara Schöller und Silke Evers entwirrten die roten Schicksalsfäden wie sie die Vitrinen zu neuen Konstellationen gruppierten. Die Lacher zogen fröhlich verspielte und sängerisch subtil gestaltende Rheintöchter (Akiho Tsujii, Silke Evers, Hiroe Ito) auf ihre Seite; frappierend vielschichtig immer wieder die Auftritte des stimmstarken Chores.

Klokes Fassung kommt auch Wagners Intention näher, dass Texte verständlich herüberkommen. Die von Enrico Calesso aufgebaute Klangbalance von Chor und Orchester blieb herrlich ausgewogen, die musikalische Ausstrahlung beider Klangkörper in ruhigem Duktus erstklassig. Bereits im März 2020 wird das Ring-Abenteuer in Würzburg mit dem Rheingold fortgeführt; auf Lesart und Denkanstöße eines weiteren Regisseurs (Dirk Schmeding) darf man gespannt sein.

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