Als Graf Hermann Carl von Keyserling Johann Sebastian Bach beauftragte, ihm eine Serie von Klavierstücken zu komponieren, die ihm sein Hauspianist Johann Teophilus Goldberg in schlaflosen Nächten vorspielen sollte, konnte er nicht ahnen, dass er damit den Anstoß für eines der großartigsten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte gab. Wenn man überhaupt Kritik an den Goldberg-Variationen üben kann, dann vielleicht mit einem Augenzwinkern dahingehend, dass dieser Variationszyklus musikalisch so aufregend und spannend ist, dass er zur Beruhigung in schlaflosen Nächten genauso wenig taugt wie eine amerikanische Thriller-Serie. Hätte allerdings statt Johann Teophilus Goldberg der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard die Bach’schen Variationen so gespielt wie im Münchner Herkulessaal, dann wäre unser nachtgeplagter Graf Keyserling wohl umso mehr um seinen Schlaf gebracht worden.

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve
Pierre-Laurent Aimard
© Marco Borggreve

Schon bei den ersten Takten der Aria spielte Aimard ungewohnt unpräzise, verschluckte Töne und huschte über wichtige Verbindungsskalen, als wären sie nur schmückendes Beiwerk. Man muss kein puristischer Gould-Jünger sein, um derartige Manierismen oder schlicht Schlampigkeiten abzulehnen. Aimard, der aus Noten spielte, laut atmete, gut hörbar mitsummte und teils etwas ungelenke Bewegungen mit seinem Oberkörper vollführte, war oft unkonzentriert und verlor immer wieder den musikalischen Faden, von offensichtlichen motorischen Fehlern einmal ganz abgesehen. Spätestens als der französische Pianist den zweiten Teil der Aria wiederholte, was er im Folgenden mit allen Variationen tat, war klar: Die folgenden 90 Minuten ohne Pause würden lang werden.

Zweifelsohne ist Aimard ein großartiger Musiker und verehrter Philanthrop, was ihm auch 2017 im Rahmen der Verleihung des Ernst von Siemens Musikpreises attestiert wurde, als er als „Lichtgestalt und internationale Schlüsselfigur im Musikleben unserer Zeit" bezeichnet wurde. Dieser Abend war jedoch leider kein Glanzpunkt in dieser ansonsten so beeindruckenden Musikerbiographie. Nach der Aria zeigte Aimard zwar in der ersten Variation, über welch differenzierte Anschlagstechnik er immer noch verfügt, spielte er doch die Variation ebenso wie die technisch diffizile fünfte Variation in einem gut definierten leggiero, aber auch hier platzten immer wieder laute Töne ungewollt heraus, Phrasen wurden jäh unterbrochen, weil die Finger nicht mitspielen wollten und wichtige Stimmführungen gingen im Tongestrüpp unter.

Besonders gut gelang Aimard die siebte Variation, eine Gigue, die er tänzerisch beschwingt und mit feinperlendem Anschlag aus einem Guss präsentierte. Überhaupt lagen ihm an diesem Abend vor allem die etwas beschwingteren tänzerischen Sätze. So wie die 24. Variation, die Aimard wunderbar zurückgenommen wie hinter einem seidenen Vorhang anstimmte. Das wiegende Hauptthema im 9/8-Takt feinperlend hingetupft, dazwischen motivische Andeutungen, die sich sogleich wieder im tänzerischen Klangreigen einreihten. Zart und wohlklingend spielte er auch die 13. Variation, direkt gefolgt von Variation 14, die dann leider wieder die Hoffnung auf lediglich anfängliche Konzentrationsschwierigkeiten zerstören sollte. Wie Aimard hier groteske Akzente setzte, immer wieder wichtige Brückentöne verschluckte und anscheinend mit ungewohnten technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, war für die Zuhörer wohl ebenso anstrengend wie für den bemühten Pianisten selbst.

Was Pierre-Laurent Aimard wiederum vorbildlich gelang, war die Gesamtdarstellung dieses monumentalen Variationszyklus‘ mit einem schier endlos langem Atemzug. Bei der fast übergangslosen Verbindung der Variationen untereinander, abgesehen von einer stilistisch einwandfreien kurzen Zäsur vor der den zweiten Teil einleitenden französischen Ouvertüre, zeigte sich eine besondere Begabung Aimards, die ihm zweifelsohne bei der Bewältigung komplexer zeitgenössischer Werke immer wieder zupass kam. Die französische Pianisten-Legende verfügt über einen untrüglichen Sinn für Metrik und Tempo. Von Aria zu Aria gab Aimard ein fließendes gleichmäßiges Schrittmaß vor, an denen er die Variationen wie an einer Perlenschnur hätte aufreihen können. Wären da nicht die unschönen Einsprengsel und stetigen technischen und interpretatorischen Trübungen gewesen.

Nachdem Pierre-Laurent Aimard dann noch aus dem Quodlibet forsch und etwas zu derbe die ohnehin schon ironisch kruden Volksliedmelodien herausgezimmert hatte, endete dieses durchwachsene Konzerterlebnis mit der wiederum leicht ins manieristisch abdriftende und mit viel Pedaleinsatz aufgedunsenen abschließenden Aria. Das Publikum bedankte sich nichtsdestoweniger für den Kraftakt des französischen Ausnahmemusikers, dem angesichts seiner bewundernswerten musikalischen und humanistischen Lebensleistung immer höchste Ehre gebührt.

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