Mit äußerster Konzentration las ich den im Programmheft abgedruckten französischen Text von Roxanna Panufniks Songs of Love and Friendship mit. Nacheinander gab ich dem mir zugeteilten Balkonplatz beim Concertgebouw-Sommerkonzert und der vermeintlich schlechten Artikulation des Großen Rundfunkchores des niederländischen Rundfunks (Groot Omroepkoor) die Schuld für mein wiederholtes Scheitern bis ich letztendlich die viel einfachere Lösung entdeckte: die britische Komponistin hatte den Chor in zwei Gruppen aufgeteilt, von denen die eine Hälfte den Text der niederländischen Dichterin und Komponistin Belle van Zuylen (1740-1805) im französischen Original, die andere aber in der englischen Übersetzung sang. Diese Sprachverknüpfung machte ein Mitverfolgen der sehr poetischen Texte leider äußerst schwierig.

Ilse Eerens
© Sarah Wijzenbeek

Vergleichbar ungebräuchlich war die Hinzufügung einer einzelnen Geigenstimme zu diesen a cappella Songs. Eigentlich hätte dieses vielstimmige Chorwerk schon im vergangenen Herbst das erste Konzert des neuen GOK-Chefdirigenten Benjamin Goodson krönen sollen. Coronabedingt war dies jedoch wegen der großen Besetzung nicht möglich gewesen. Geiger Daniel Rowland hatte Panufnik in seiner Zeit als Primarius des Brodsky Quartetts kennengelernt und war zusammen mit Goodson Inspirator dieser ungewöhnlichen Komposition.

In der verspäteten Uraufführung betörte Rowland mit vollem Geigenklang in der Rolle eines musikalischen Kommentators. Im ersten Lied Companion bekommt er von Panufnik den deutlichen Auftrag, mit hohen kurzen Intervallsprüngen den Gesang einer Schwalbe so wirklichkeitsgetreu wie möglich nachzuspielen. Schwalben scheinen, so erzählt er, in jedem Land etwas anders zu singen. Als nach seinem einleitenden Solo die zart wie ein Golddrahtgewebe einsetzenden Soprane seine Melodie übernahmen, stand die Zeit im altehrwürdigen Concertgebouw eben still. Panufniks Musik ist ob seiner schwebenden Harmonik und wellenartigen Rhythmen ansonsten aber eher spannungsvoll unruhig. In Conquest waren Rowlands Doppelgriffe das tönende Äquivalent des Zusammenschmelzens zweier Liebender „ce soupir si doux, si tendre“. Panufniks Liebeslied seufzte und schmachtete, dass es eine liebe Lust war. Diese gelungene Uraufführung war ein überzeugender Beweis dafür, dass sich der niederländische Rundfunkchor unter seinem neuen Chefdirigenten strahlend gut gemausert hat.

Gabriel Faurès Requiem wurde 1888 auch mit nur einer Solovioline, dazu aber tiefen Streichern, Harfe, Pauken und Orgel uraufgeführt. Goodson hatte sich für die Aufführung der späteren Version entschieden, die erst zwölf Jahre nach der Premiere mit zwölf Geigen und Bläsern vor 5000 Zuhörern auf der Pariser Weltausstellung erstmals gespielt wurde.

Das Radio Filharmonisch Orkest spielte seinen Part fleckenlos, wobei sich das Hornquartett im Agnus Dei in die Scheinwerfer spielte, als es bei Lux aeterna in gleißender Klangreinheit mit dem erdigen gedeckten Klang der großen Orgel zusammenschmolz. Schon im Kyrie hatte diese Orgel von Michael Maarschalkerweerd mit seiner Klangfarbenpracht den Chor umflort. Besonders die tiefen Subbässe gingen immer wieder wohlig durch Mark und Bein. Sopran Ilse Eerens sang das Pie Jesu schlicht und ergreifend. Der irische Bariton Benjamin Russell war kurzfristig eingesprungen und sang sein Libera me mit klarer deutlicher Stimme. Die hüpfende Orgelbegleitung im abschließenden In paradisum bleibt mir seit meinem ersten Kennenlernen als eine der faszinierendsten Musikschätze im Ohr. Auch unter Goodson glänzten hier die Soprane mit den anderen Stimmen um die Wette und machten diesen Konzertabend zu einem vollendeten Festmahl für die Ohren.

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