Mit alpiner Thematik startete die Grazer Oper im Rahmen des Eröffnungskonzerts in die neue Saison; bevor der erste Ton erklang, bot Chefdirigent Roland Kluttig aber noch eine ebenso interessante wie lehrreiche Kurzeinführung. Zu Strauss‘ Alpensinfonie, so der Dirigent, müsse er dem Publikum zwar vermutlich nicht mehr viel erklären, aber das den Abend eröffnende Werk – das Concerto grosso Nr. 1 für vier Alphörner und Orchester von Georg Friedrich Haas – würde von einigen Hintergrundinformationen profitieren. Kluttig erläuterte daher einerseits die Struktur und die Charakteristika des 2014 uraufgeführten Werks und lieferte andererseits im launigen Zwiegespräch mit den Mitgliedern des Hornroh Modern Alphorn Quartets auch spannende Fakten zur Geschichte und zu den Besonderheiten des Alphorns. Garniert wurden die theoretischen Ausführungen rund um Obertonreihen und Stimmungen mit kurzen Demonstrationen dessen, was ein Alphorn so alles kann.

Roland Kluttig
© Oliver Wolf

Das Hornroh Modern Alphorn Quartet spielte bereits die Uraufführung des Concerto grosso in München und beeindruckte nun auch in Graz mit ebenso sauberen wie endlos wirkenden Tönen und symbiotischem Zusammenspiel. Die Idee des Komponisten, das Werk als Schule des Hörens anzulegen, in der das Orchester die Tonhöhen der Obertonreihe von den Alphörnern übernimmt und in der sich aus den Schwebungen der Alphörner nach und nach ein vom Orchester aufzugreifender Rhythmus ergibt, ist technisch spannend und wurde von den Grazer Philharmonikern präzise und konzentriert umgesetzt. So wurde der ganze Saal in sphärische Schwingungen versetzt und ein bisschen fühlte man sich, als wäre man in einem dieser YouTube-Videos gelandet, die einem durch bestimmte Frequenzen zu erhöhtem Fokus verhelfen sollen.

Roland Kluttig dirigiert das Hornroh Modern Alphorn Quartet und die Grazer Philharmoniker
© Oliver Wolf

Interessant und technisch anspruchsvoll für die Musiker ist die Komposition in jedem Fall, viele Zuhörer (und sich selbst) ertappte man aber nach ein paar Minuten durchaus dabei, gedanklich abzudriften, da in der Musik vordergründig nicht viel passiert. Dass das Publikum nicht einfach ohne Vorbereitung in die erste Konzerthälfte geworfen wurde, erwies sich angesichts des sperrigen Werks daher als goldrichtige Entscheidung!

Roland Kluttig dirigiert die Grazer Philharmoniker
© Oliver Wolf

Mit Strauss kehrte der Abend wieder auf bekannteres Terrain zurück. Unter der Leitung von Roland Kluttig, der auf feinste Differenzierung der Dynamik und auch noch bis ins Fortissimo auf transparenten Klang achtete, boten die Grazer Philharmoniker eine detailreiche und plastische Interpretation der Alpensinfonie. So wurden warm schimmernde Fäden in den Streichern (insbesondere von den Violinen!) gesponnen, präzise Akzente der Blechbläser gesetzt und mit fein schattierten Klangfarben die verschiedenen Stimmungsbilder gemalt. So klang das Orchester mal majestätisch erhaben, dann wieder in Idylle schwelgend und schließlich beinahe so kraftvoll wie der Soundtrack während eines großen Showdowns in einem Hollywoodblockbuster. Sowohl bei üppigen Klangmassen als auch sanften Passagen wurden stets mannigfaltige Emotionen frei von pseudoalpinem Kitsch durch das Spiel transportiert. Die Interpretation, ob es sich nun nur um eine Vertonung eines eindrucksvollen Tages in den Alpen oder eines menschlichen Lebens – angelehnt an Nietzsches Antichrist – handelt, blieb dem Publikum somit selbst überlassen.

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