Der Berliner Pierre-Boulez-Saal wird seit seiner Eröffnung 2017 unter Musikliebhaber bereits heute als einer der feinsten Konzertsäle für Kammermusik und kleinere Besetzungen gehandelt. Dieser Saal ist einerseits ein architektonisches Meisterstück zweier aufeinander geschichteter leicht versetzter Ovale – entworfen von der kanadisch-amerikanischen Architektenlegende Frank Gehry in Abstimmung mit Daniel Barenboim: „Frank, ich will die Ovale, bitte, bitte, bitte“. Die akustische Raumgestaltung andererseits wurde von Yasuhisa Toyota konzipiert, der in Deutschland vor allem durch seine Arbeit an der Elbphilharmonie von sich hören machte. Für die an permanenten Halleffekt in Radio und auf Tonträgern getrimmten klassischen Ohren ist die Akustik fast etwas trocken, in jedem Fall aber über das gesamte Frequenzspektrum höchst ausgewogen und transparent.

Akademie für Alte Musik Berlin © Uwe Arens
Akademie für Alte Musik Berlin
© Uwe Arens

Ausgewogen und transparent musizierte auch die Akademie für Alte Musik Berlin. Die Altistin Sonia Prina lieferte das gesamte Frequenzspektrum dazu, welches eine Altstimme zu bieten hat. Das Konzert begann etwas verhalten mit dem Concerto grosso in F-Dur von Georg Friedrich Händel. Der Orchestergründer und Konzertmeister Bernhard Forck und seine Stimmführerinnen spielten die Solo-Passagen klangschön und engagiert. Ein wenig mehr Biss jedoch hätte dem von musikalischer Finesse überbordenden Werk gut getan. Auch in den Tutti-Passagen fehlten noch die letzte intonatorische und metrische Präzision sowie der Mut zum klanglichen Risiko, welche den weiteren Verlauf des Abends prägen sollten.

Die Kantate Il pianto di Maria von Giovanni Battista Ferrandini wurde wegen ihrer hochexpressiven „rhetorischen Raffinesse“ (Reinhard Goebel) lange Zeit Georg Friedrich Händel zugeschrieben. 1992 tauchte allerdings eine Abschrift des verschollenen Originals auf, welche das Werk eindeutig dem musikalischen Wunderknaben Ferrandini zuordnen ließ. Die Kantate ist von äußerster Expressivität und herzzerreißender Trauer der Gottesmutter Maria um ihren gekreuzigten Sohn gezeichnet. Die italienische Barockexpertin Prina erwies sich wieder einmal als kongeniale Partnerin für auf Originalklang spezialisierte Ensembles. Denn Prina beherrscht ihre Stimme imposant und kann in Sekundenschnelle von fahler vibratoloser Verhaltung über Belcanto-Passagen bis hin zu höchster Operndramatik modulieren. Eine Eigenschaft, die sie mit den fein ansprechenden und im Vergleich zu ihren modernen Nachfolgern agileren, wenn auch weniger voluminösen, historischen oder nachgebauten Instrumenten und Bögen perfekt harmonieren lässt. Als Prina in den Cavatinen II und IV ihre tiefsten Töne in den schlichten Boulez-Saal stellte, jagte einem die kosmische Kälte dieser rohen existenziellen Trauer eines aufs Muttersein reduzierten Menschen um das sterbende Kind Schauer über den Rücken.

Sonia Prina © Allegorica
Sonia Prina
© Allegorica

Den zweiten Teil eröffnete Johann Sebastian Bachs Kantate Widerstehe doch der Sünde. Wiederum dauerte es einige Takte, bis die Musiker in Schwung gekommen waren. Das vielgespielte Werk des Thomaskantors hat man bestimmt schon einfallsreicher und differenzierter gehört. Pietro Locatellis Concerto grosso in Es-Dur „Il pianto d'Arianna“ hingegen gelang fast gänzlich aus einem Guss. Nach anfänglichen kleineren Ungenauigkeiten und ungewollten Zwischentönen bei Bogen- und Saitenwechseln spielte Bernhard Forck die Solopassagen souverän und dennoch kammermusikalisch differenziert als Primus inter pares und überzeugte vor allem in den lamentierenden langsamen Sätzen mit seinem fein-silbrigen Ton.

Den musikalischen Höhepunkt und auch zugleich den Abschluss des regulären Programms bildete Antonio Vivaldis Motette Longe mala, umbrae, terrores. Passend zum Jahresstart entzündeten Sonia Prina und die Akademie für Alte Musik Berlin ein grandioses Feuerwerk höchstpräziser und zugleich durchinterpretierter brillanter Kolloraturen und Sechzehntelläufen. Im langsamen Mittelsatz betete Prina dann die Schönheit des Gesangs an („Steig herhab oh Himmelsstimme“) und jauchzte sodann das Halleluja, dass es eine schiere Freude war. Dabei dehnte und bog sie sich im Rhythmus der Musik und lieferte auch mimisch eine konzertante Opernaufführung dazu, mit der sie Orchester und Publikum gleichermaßen in ihren Bann zog. So lasst uns denn gemeinsam mit Sonia Prina dem noch jungen Neuen Jahr zurufen: „Weg mit allem Übel, mit Schatten, Schrecken, dem bitteren Los, dem ungerechten Schicksal“!