Literarisch dürfte Heinrich von Kleist die Cäcilienode John Drydens gut bekannt gewesen sein, als er schließlich über einhundert Jahre später seine Erzählung vorlegte. Sie thematisiert gemäß des originalen Titels The Power of Musick laut Hans-Jürgen Benedict die Macht des Glaubens und den Schrecken der Tonkunst durch die dramatische Legende, die in der Barockmusik nebst Cäcilias Gunsten und ihrer entgegenstehenden Kraft zur Besänftigung der Kriegsmassen gleichsam den Fürsten zum Siegesfest dient. Händel widmete ihr sich zweimal: 1739 mit der Ode for St Cecilia's Day und dem damit ebenfalls erklungenen Alexander's Feast von 1736, womit er ein Stück schuf, das seiner ungreifbaren Oratorienform zu Glanz verhalf.

Allan Clayton © Sim Canetty-Clarke
Allan Clayton
© Sim Canetty-Clarke

In Essen taten dies Concerto Köln, ChorWerk Ruhr, die drei Solisten und Ivor Bolton, der in dieser Saison Residenzkünstler der Philharmonie ist. Und wie! Alle erwiesen sich in äußerst ansprechender Weise so sehr als profund überzeugendste Botschafter Cecilias, dass das Zuhören von der ersten bis zur letzten Note an eine wahre Freude war. Die Erwartungen sollten nämlich dahingehend übertroffen werden, dass Bolton es in untrügerischer Opernbewandnis, der fast lebenslangen Vetrautheit mit Händel und langen Partnerschaft mit Concerto Köln verstand, die musikalischen Zwitterwesen nicht nur theatralisch zu gestalten, sondern den dialektischen Klang von Kriegsgetön mit schönstem schutzheiligem Friedenswohl zu versöhnen. So durchzog den anregend saftig-klaren Stimmenstrom der Instrumentalisten stets eine bebende Dezenz tiefempfundenen Nachdrucks. Die Singstimmen, sowohl die aufmerksam flairverbreitenden Solisten als auch der so kompakt durchscheinende, dynamisch und präzise agierende Chor, präsentierten sich gleichsam von diesem balancierten, farbigen Schlag.

In der Cäcilienode setzte Allan Clayton mit seiner sympathischen Unbekümmertheit das erste himmlische Ausrufezeichen, dessen Leichtigkeit ChorWerk Ruhr zur scharenhaften Verdopplung glaubhaft animierte. Den double beat samt Gabriele Cassones Naturtrompete und Frithjof Kochs Pauke nutzte er in anheizendem Echospiel zur direkt-lockeren Mobilisierung der Massen, die die Choristen hell und packend in Bewegung brachten. Den Reigen der lautmalerischen Arien, denen nach Purcells Vorbild ein oder mehrere Instrumentensoli zugewiesen sind, hatten zuvor Emöke Baráth und Cellist Jan Kunkel mitnehmend eröffnet. Der Sopran verströmte mit herzlicher, fluider Präsenz dabei eine derart leuchtend mächtige Milde und Charakterlichkeit, dass das von Cordula Breuers Traversflöte und Joachim Helds Basslaute geführte „Calm down“ bestens Cecilias finale Oberhand verdeutlichte. Redete Baráth den marschierenden Kampflüsterern zunächst in Herz und Gewissen, stellten sich ihr Clayton und die Sharp Violins noch mit frischem, wenn auch bereits runder angehauchtem, Gegenwind entgegen. Der zweite Versuch sollte jedoch seine Wirkung erzielen: natürlich unter der Einbeziehung des von Roderick Shaw produzierten Klangs der (Truhen-)Orgel lockte der königlich-verzückende Sopran die Truppen auf die Seite Cäcilias. Musste zwischendrin noch ein laufbeherrschtes, wirklich wildes, kurzes Machtwort gesprochen werden, folgte der Chor willfährig zur prächtigen Ewigkeits-Anthem And Music shall untune the sky.

Zur schier noch erschreckend höheren Höchstform an musiksprachlicher Durchdringung cäciliärer Weihen lief bei Bolton das Alexanderfest auf. Nach dem happy Start riefen Clayton und Baráth bereits in ätherische Sphären; der Tenor charmant, mit fantastischer Diktion und so lässig, als solle man das Kriegsgeheul nicht zu ernst nehmen, der Sopran in einer umwerfenden, ruhmreichen Stärke. Baráths Arien verleiteten die Synapsen zu ganzkörperlichem Mitschwingen und zu beinahe tränenschöner Überwältigung. Den feld- und vorzüglichen Wecker an fetzig-knackigem Kontrast hatte dagegen Andreas Wolf klingeln lassen, als er mit Macht zum Feldherren aufsattelte, dessen bass-baritonale Markanz, Kernigkeit und gleichzeitig fließende Sanftheit ebenso die Anlage der ganzen Musik in sich trug wie auch seine zweigeteilte Arie prägte. Gab er im A-Teil den dröhnenden Rächer, glitt er im B-Part leichtgängig in dunkle, fagottgestützte Nachdenklichkeit ab. Diese Leckerbissen, die Concerto Köln in artikulatorischer Klasse untermauerte, sandte ChorWerk Ruhr – wie alle in bestechender Kultivierung – entweder with loud applause oder in freudig-harmonischer Friedfertigkeit aus. Mit von Gott kam ihr Gesang also eine Hymne auf sich selbst und ein feierlicher Jubel, der einen Residenzauftakt nach Maß bescherte!

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