Ebnete Claudio Monteverdi durch die revolutionäre Entwicklung und Implementierung der modernen Oper mit ihrer musikalischen Theatralik den Weg von der Renaissance zum Barock in zeitaktuellen Abziehbildern emotionaler Auseinandersetzungen von Politik, Intrigen, Macht und Ränkespielen mithilfe historischer Vorlagen, erwies sich Georg Friedrich Händel etwas später durch seine erhaltenen, gepflegten Werke als königlicher Platzhalter dieses Genres. Fernab jedes runden Gedenktages feiern seine Opern schließlich ein kontinuierlich etabliertes Revival. Dafür sorgen auch seit Jahren Ottavio Dantone und seine Accademia Bizantina, die der Gesamtaufführung Händels Bühnenstücke und Oratorien verpflichtet sind. Mit Giulio Cesare in Egitto, der Vertonung der Geschichte um den römischen Kaiser und der ägyptischen Schönheitskönigin Cleopatra, eröffneten sie ihre 4-Städte-Herbst-Tour in Essen.

Ottavio Dantone © Giulia Papetti
Ottavio Dantone
© Giulia Papetti

Dafür legte sich das Ensemble eine etwas weiter gekürzte Wiener Fassung zurecht, bei der nicht nur die Nebenrollen von Nireno und Curio, sondern zudem der Chor und einige Instrumental-Intermezzi gestrichen wurden. Zusätzlich verzichtete man auf die doppelten Hörnerpaare, ein zweites Fagott und die Theorbe, anstelle derer eine Laute ihre Continuodienste verrichtete. Beraubte es sich dadurch gewiss Besonderheiten der Partitur, stellte es die Sänger daher umso mehr in den Mittelpunkt, was mithilfe einer fast optimalen Austarierung und Dynamikkontrolle gelang. Während Dantone wie gewohnt in den Rezitativen der Chef am Cembalo war, leitete er das Orchester in den Arien in einem routinierten Fluss.

Die draußen schimmernden Farben eines goldenen Oktobertages holte Dantone vor allem mit dem gekonnten Glanz Cäsars und Cleopatras auf die kerzengedimmte Bühne, bei der jeweils die innere und äußere Ausstrahlung der Charaktere aufeinanderpasste. Lawrence Zazzo war dabei die Lust an der Rolle Cäsars immer anzusehen, wobei er seine herrschaftliche Freiheit und Lässigkeit sowie seine nachdenkliche, reizvolle, ja humanste Seite in diesem von Eitelkeiten gedrängten Ringen spielerisch eindrücklich zur Geltung brachte. Sängerisch lagen ihm neben charmanten, gewitzt-gewieften Unterhaltung, vorzüglich veranschaulicht in „Va tacito e nascosto“ mit dem brillant konzertierenden Jagdhorn von Lionel Renoux, vor allem die sanften Facetten.

Lawrence Zazzo © Justin Hyer
Lawrence Zazzo
© Justin Hyer
Zwar verwusch er in seinen sportlich-verrückten Arien die ein oder andere Sechszehntel, aber Zazzos balanciert eingesetzter Countertenor hatte keine Mühen in wärmender Lieblichkeit. So lachte und fühlte er sich in seiner Allegoria unter Alessandro Tampieris Vogelgezwitscher der Solovioline oder litt mit seinem von zauberhafter Intonation benommenem „Quel torrente“ in das bebend-gierige Herz Cleopatras und das eines jeden Zuhörers.

Das schaffte auch Emőke Baráth auf phänomenale Weise. Sie bezirzte jeden mit ihrem leuchtend klaren Sopran, für den die Figur nicht nur dank atem- und techniksicherer, sondern verständlicher, weicher und beweglicher Königlichkeit ein Leichtes zu sein schien. Hinzu kam, dass sie dieses schon beeindruckende Flair noch mit steter Haltung, Verspieltheit und dem Orchester entsprechend rhythmisch wiegender Schwingung verzierte, sodass es nicht verwundert, ihr im noch helleren Funkeln zu verfallen: hinreißend schön Baraths unter die Haut gehende Galanz in ihren von Gregorio Carraros Traversflöte umschmeichelten Einsätzen, besonders dem „Piangerò“, oder dem von Paolo Grazzis Oboe begleiteten „V'adoro pupille“, in der Anschmiegsamkeit und hohe Tupfer ihre zauberhafte Wirkung entfalteten.

Bei der ergreifenden Wucht, mit der sie ebenfalls „Si pietà di me non senti“ in Bewegungsartikulation, Betonung und überzeugender Reinheit präsentierte, die die Accademia Bizantina in ihren tiefen und feinen Aufwühlern vorzeichnete, fehlte nicht viel, bis sich Tränen ihren Weg gebahnt hätten. Setzte Cleopatra dieser sentimentalen Verzückung im Triumph ein frisches, unbekümmertes „Da tempeste“ entgegen, resümierte im lieto fine-Duett mit Zazzo Baraths ausdrückliche Mischung, die noch weit über den Abend hinaus blitzte.

Nicht minder expressiv stand dem Paar ihr Gegenspieler Tolomeo entgegen, den Filippo Mineccia mit einerseits eleganterem, spritzigerem Countertenor-Klang, andererseits sprunghaftem Dynamiktemperament gab, dessen stürmische Agilität und Flexibiltät beispielhaft sowohl für das mutige, rasende Auf und Ab seiner Feindschaftsbekundung gegen Cäsar als auch den Machtkampf gegen seine Schwester gebraucht wurden. Während Riccardo Novaro als stilvoller Polit-Wendehals Achilla gefiel, später kleinlaut, aber stolz, bestach Delphine Galou durch ihre klare und anmutige Mezzo-Färbung, deren Einzigartigkeit der wie die barocken Instrumente agogisch gezogenen, betonten Phrasierungen immer wieder betörte und der tiefgrämigen Edelfrau Cornelia ihren expressiven Stempel aufdrückte, den das Orchester einfühlsam zeichnete. Bis zu ihrer Befreiung „Non ha più“ dauernd zum Selbstmord geneigt, hätte sie in dieser einzig schnellen Arie ihrer Glückseligkeit im Unterschied zur eleganten Trauerklosigkeit durch mehr Dynamik und Volumen Raum geben können.

Julie Boulianne vermittelte in ihrem Sesto oftmals den Eindruck, am barocken Aussingen der jugendlichen Rachsucht gebremst zu sein, wozu ihr zu gaumiges Timbre und Vibrato beitrug. Ihrem Sopran gelang es jedoch im Abschiedsduett mit Galou, die rollenfamiliäre Verschmelzung in weinender Eintracht zu vollbringen. Starke Bande, die die Accademia Bizantina und Dantone akkurat um Händels Oper schnürten.