Seit langem lädt Kristjan Järvi, jüngster Sohn des Dirigenten Neeme Järvi und in Tallinn geboren, die besten Talente der zehn Länder des Ostseeraums ein, im Baltic Sea Philharmonic zu musizieren. Aus Mitgliedern der früheren Baltic Sea Youth Philharmonic und weiteren hervorragenden Instrumentalsolisten der Region hat er ein beeindruckendes philharmonisches Orchester geformt, in dem die Freude an experimentellen Programmen und unüblicher Interpretation großgeschrieben wird. Da musiziert man auch mal im Stehen oder gar auswendig, um die Aufmerksamkeit nur auf die Impulse des Dirigenten zu konzentrieren.

<i>Waterworks</i> © Baltic Sea Philharmonic | Peter Adamik
Waterworks
© Baltic Sea Philharmonic | Peter Adamik

Zwei Tage zuvor hatten sich Järvi und die Baltic Sea Philharmonic beim Kissinger Sommer erfolgreich in eher konventionellen Werken von Tschaikowsky und estnischen Komponisten präsentiert. Nun stand das Projekt „Waterworks” im Mittelpunkt, in dem mit Lichtshows zweidimensionaler Figuren, Zumischung von Naturgeräuschen und Farbprojektionen im Regentenbau eine Art von Gesamtkunstwerk über das Lebenselement Wasser aufgeführt wurde. Wasser und Meer seien für dieses Orchester tatsächlich Symbol und Quelle seiner Einheit und Kraft, sagte Järvi kürzlich in einem Interview. Er leitet auch das 1993 von ihm und Charles Coleman gegründete Absolute Ensemble in New York City ebenso wie das Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks; mit diesem Klangkörper realisierte er 2016 in Leipzig erstmals Teile des genannten Waterworks-Projekts.

Grollender Theaterdonner hatte die Zuhörer am Beginn des Konzerts zu ihren Plätzen gerufen, bläuliche LED-Strahler tauchten den holzvertäfelten Saal in variabel kreisendes Licht. Die Orchestermusiker hatten in fast völliger Dunkelheit zu ihren Plätzen gefunden. Die Projektion von Wellen und Tropfgeräusche wie in feuchten Grotten suggerierten bereits, um welchen Hauptdarsteller es hier gehen würde. War er tatsächlich auf der Bühne? Ja, drei Schlagzeuger im Spotlight, an gefüllten Wasserschalen, machten die Wasseroberfläche zur Membran einer natürlichen Trommel, fügten sich schrittweise zusammen zum ersten gemeinsamen Rhythmus aus Platsch- und Abfließgeräuschen. Weitere Instrumente traten hinzu, bildeten ein Trommelfeuer von Gedankensplittern bis zur glamourösen rhythmischen Attacke, die plötzlich vom ruhigen Schritt in Händels Wassermusik verdrängt wurde. Järvi hatte seine eigene Fassung von Händels Hit erstellt, dazu Teile der originalen Suite in Bearbeitungen von Gene Pritsker und Charles Coleman eingefügt. So durchmischte das Wasser beide Formate, ließ Klassik auf Pop treffen und laszive Dance-Rhythmen auf Händels Hornpipes und Gigues.

Das Kraftzentrum im Tumult aus Klang und Licht war Kristjan Järvi, der athletisch und mit weit ausholenden Armbewegungen die Musiker antrieb, sie groovend auf die Schiene der Rhythmen setzte, geradezu hypnotisch den repetitiven Stil anheizte. Man konnte die Resonanz mit den jungen Musikern der Philharmonie spüren, die in langgezogenen Crescendi sich scheinbar wie in Trance immer virtuoser und atemberaubender drehten. Er ließ aber auch die zehn jungen Damen an der ersten Geige immer weiter ins fast unhörbare Pianissimo gleiten, ins Verhalten der Spannung eines einzigen Tons, wie ein blinkender Tropfen auf einem Seerosenblatt schaukelnd.

<i>Waterworks</i> © Baltic Sea Philharmonic | Peter Adamik
Waterworks
© Baltic Sea Philharmonic | Peter Adamik

Ohne Pause ging es über zu Aguas da Amazonia, die Philip Glass 1993 für die brasilianische Balletttruppe Grupo Corpo und die selbstgebauten Instrumente des Ensembles UAKTI verfasst hatte als eine Hommage an den Amazonas und seine Nebenflüsse. Für den MDR kreierte wiederum Charles Coleman diesen Werkzyklus aus zehn Einzelportraits als umfangreiche symphonische Dichtung. Glass ist der wohl bekannteste Vertreter des Minimalismus in der Musik; 1974 wurde er mit „Music in Twelve Parts” auf einem Schlag bekannt. Minimal Music beruht dabei auf wenigen langanhaltenden Tönen und Intervallen, lässt deren einfache Akkorde und Arpeggien von wechselnden Orchestergruppen in kreisenden Mustern und nur langsam ändernder Dynamik spielen. Dies war in seinen frühen Werken oft übertrieben andauernd und dadurch ermüdend, strahlt hier fokussierter, farbenreicher und vielgestaltiger.

Ist der Amazonas eine brasilianische Moldau, an deren Ufer sich Bauern bei Volkstanz und Frohsinn tummeln? Philip Glass beschreibt den Amazonas eher als mächtigen, ja unheimlichen Strom in einer geheimnisvollen Flusslandschaft; einen Strom, in dem Menschen vor Generationen vielleicht sogar einen mächtigen Flussgott vermuteten, der mit Stromschnellen und dunklen Tiefen Gefahren birgt. In langsam dahin fließenden Abschnitten dagegen beeindruckt seine unendliche Tier- und Pflanzenwelt, die Glass im vielstimmigen Vogelgezwitscher, frechen Schnarren der Frösche und Gewitterausbrüchen fantasievoll schildert. Die Urgewalt des majestätischen Gewässers prasselte in Schlagwerk-dominierten Passagen rasant und in funkelnder Brillianz auf die Zuhörer, fiebrige Erregung legten die Bläser in exotische Urwaldschreie, bedächtig träge gestalteten satte Streicherwogen den ruhigen Amazonas. Seine Dominanz stellten Järvi und seine junge Philharmonie mit hymnischer Überzeugungskraft und geradezu rauschhafter Emotion in den Mittelpunkt.

Dass man sich bei Zugaben nicht immer im Sessel zurücklehnen kann, erfuhren die faszinierten Zuhörer am Ende: so ungewöhnlich wie die Konzertidee sollte auch der Ausklang werden. Mit kurzen Worten über die Begeisterungsfähigkeit des Orchesters forderte Järvi das Publikum auf, sich einfach mitzubewegen – da wurde der Littmann-Saal zum Discoparkett, Jung und Alt tanzte, sang, ließ die Arme kreisen, sich rhythmisch-melodisch mitreißen: nach langem konzentrierten Zuhören einfach so erfrischend wie am warmen sommerlichen Abend Entspannung zu suchen in einer kühlen Wasserfontäne!

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