Nie war der Schatten („Ombra mai fù“) in Händels Opernrezeption dunkler und merkwürdiger als bei seinem Serse, der sich zu Beginn mit diesem Einführungslarghetto im 1738 fertiggestellten Xerxes vorstellt. So war es Enrico Caruso zu Beginn der 1920er Jahre, der diesen Satz als „Händels Largo“ wirklich berühmt machte, sodass ihn schließlich die Göttinger Festspiele aus der musikalischen Mottenkiste der seinerzeitigen fast beispiellosen Erfolglosigkeit holten. Fortan wurde die Oper, die just in der Woche abgesetzt worden war, als bekannt wurde, dass Händel als Zeichen seiner außerordentlichen Wertschätzung eine eigene Statue erhält, zum meistgespielten Bühnenwerk. Und das derart, dass Händels eigene süffisante Beschreibung davon ausreicht: „Der Zusammenhang in diesem Drama ist so einfach, dass es den Leser unnötig bemühen würde, ihm eine lange Vorbemerkung zu dessen Erklärung zu bieten. Einige Torheiten sowie die Kühnheit des Xerxes (wie seine Verliebtheit in eine Platane und der Bau einer Brücke über den Hellespont zur Vereinigung von Asien und Europa) bilden die Grundlage dieser Geschichte, der Rest ist Erfindung.“ Das Ensemble Il pomo d'oro widmete sich ihr mit der ihm eigenen Exzentrik und Lebendigkeit erneut, diesmal für eine konzertante Herbsttour, deren Abschluss in Essen lag.

Maxim Emelyanychev © Magnus Fraser
Maxim Emelyanychev
© Magnus Fraser

Den erfundenen Rest – dabei ist gerade die angesprochene Grundlage nur flüchtige Randbemerkung – konnte Händel auch kurioserweise unter den Tisch fallen lassen, schließlich ahnte man nicht nur, sondern wusste, was kommt: eine gefühlige Handlung von erbarmungslosem Liebesschmerz, Bruder-Schwester-Zwist, Treueprüfung, Verkleidung und Intrigen unter tyrannischem Zwang bis zum typischen Lieto fine. Erfindungsreich erwies sich das Orchester mit seinem Dirigenten Maxim Emelyanychev am Cembalo. Neben flüssigen Rezitativen, Da-Capo-Überleitungen und scheinbaren Improvisationen (wie dem kurzen, absurd-plakativen Hochzeitsmarsch-Anklang oder der duettierten Koketterie von Konzertmeister Svidorov mit Atalanta) heizte er die formidablen Instrumentalisten an und ermunterte sie. Diese Motivation äußerte sich in bekannt prägnanten Dynamik- und Phrasierungseffekten, sodass Il pomo d'oro als fulminanter und inspirierender Tonwandler Händels Genialität auftrat; wahlweise in weichem Schwung seiner schönheitsvollendeten Melodien oder in scharfer Beigabe des Basso Continuos und sprühenden, bissigen Streichern beim ständigen, feurigen Rachelüstern, zur Verdunklung der Aura und dem wallenden Auf und Ab der konfliktiösen An- und Aufläufe. Hinzu kam eine bemerkenswerte Verständigung mit den Gesangssolisten, von denen Franco Fagioli die Rolle des grausam spinnerigen Serse verkörperte, der nun eben Genie und Wahnsinn innewohnte.

So mitreißend emotional allerdings, laut Händel kühn, und unberechenbar trumpfte er stimmlich und im Ausdruck jedoch nicht auf, auch wenn sich natürlich nach wie vor alles Dargebotene – abgesehen vom Schatten seiner schwierigen Textverständlichkeit durch sein gaumiges, vibriertes Dauerrollen – auf dem hohen Niveau seines erklommenen Counter-Ruhms befand. Ein wenig künstlich (wie die Liebe zur „Natur“) blieben die Kadenzen, in denen Fagioli Freiheiten, besser Gedankenpausen bekam, aus denen wiederum nicht so viel überraschender Affekt hervortrat, der die Funken der Leidenschaft und Verblendung überspringen ließ. Sprunghafter und aus einem leicht dumpfen Gefühl von Gleichgültigkeit herausfallend zeigte er sich im langen Register-Speier innerhalb der schon – ungewollt sogar passend zu Serses Ego – etwas angekratzten Bravour-Arie „Crude furie“, nach der er endlich von seiner menschlichen Geliebten Romilda ablässt und lächerlich zu seiner Frau Amastre kriecht. In dieser Tobsucht ging selbst der gestählte Feldherr Ariodate in Deckung, der ihn durch sein Missverständnis dazu gebracht hatte. Ihm verlieh Andreas Wolf eine passgenaue glorifizierende Stimmkraft; ein Vater (von Romilda) und Krieger, der bewusst und letztlich unbewusst in seiner bassbaritonalen Vorteilsannahme zu großen familiären Siegen führte.

Während Serse Romilda mit stalkerhafter Bewunderung maltätierte, wusste die Auserwählte gar nicht wie ihr geschah, was Inga Kalna jedoch mit ganzem Bewusstsein für ihren zu Fagioli stimmigen und technisch geläufigen Koloratursopran erfahrbar machte. Mit erhabener Klugheit versuchte sie, Serses nervigen, einschüchternden Anwandlungen zu entkommen, genauso wie sie mit gekonntem Dynamikkontrast ihrem wagemutigen Handling und ihrer Verdutztheit Profil schenkte. Außerdem stand sie zu Arsamene, Serses Bruder, was sie neben ablesbarem Glück über ihre Charakterfestigkeit zu Diskussionen und Schmerzen veranlasste: einmal trotzig und zerreißend, beiderseits Unverständnis produzierend mit Serse, das andere Mal im saftigen Aneinandervorbeireden mit dem Geliebten. Dessen ungerechte Qualen besang Vivica Genaux in verschiedenen, mühseligen Lamenti vor allem mit wirkungsvoller Tiefe und ebenfalls sowohl dynamischer als auch technischer Versiertheit ihres Mezzos, wobei ihr aufopfernder Widerstand und Lebensmut manchmal ein bisschen aufgezehrt war. In buffoneskem Vorausgriff hatte sie als Arsamene anfangs Elviro an der Backe, der als schusseliger Handlanger zur Gegen-Konspiration beiträgt. Biagio Pizzuti quakte dafür als alte, meckernde, schräge Blumenverkäuferin durch die Reihen des Orchesters, der sich mit einfältiger und wunderbar baritonaler Sich-Selbst-Überzeugungsstärke am Ende dem Wein hingab.

Seine Überrumplerin, Atalanta, füllte Francesca Aspromonte mit dem leicht einnehmenden, überheblich selbstsicheren Charme sowie klaren Blick und Stimmausdruck, der ihre Partie der lakonisch-pragmatischen Intrigantin und Liebhaberin, bei der der schöne Gram stets schnell verfolgen ist, zur eindrucksvollsten und unterhaltsamsten des Abends machte. Königliche Gravitas wusste Marianna Pizzolato als Serse nachspürende Braut Amastre farblich anregend und verständlich einzusetzen, die sich selbst in schäumenden Szenen der Heimzahlung oder dem markigen Showdown noch im Zaum halten konnte. Ihr Mezzo agierte ihrer Verletzlichkeit und schlussendlichen Milde würdig.

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