Dank seines Feuers, seiner Spritzigkeit sowie viel beachteten Opern- und Recitalkonzerten mit nahmhaften Stars, katapultierte sich Il Pomo d'Oro in fünf Jahren seit seiner Gründung bereits an die Spitze der immer dichteren Szene der barocken Originalklangkörper. Auch die Kammermusik ist jeher elementarer Bestandteil der jungen Musiktruppe, die mit Joseph Haydn zuletzt den Weg in die Klassik beschritten hatte. Der Sturm und Drang führte sie nun über dessen Bruder Michael, Hasse und Carl Philipp Emanuel Bach flugs zu Mendelssohn.

Alina Ibragimova © Eva Vermandel
Alina Ibragimova
© Eva Vermandel

Dem kleinbesetzten Orchester stand für dieses Projekt Gastkapellmeister Federico Guglielmo vor, das im Programm der Bach-Nachfolge, der Reminiszenz an die Kunst der Fuge und dem Geist Mozarts mit Hasses Version eines Adagio e Fuga in g-moll startete. Darin legte das Ensemble den Grundstein für seinen Auftritt, der sich mithilfe eines festen, kernkompetenziellen Gerüsts aus Rhythmik und technischer Beschlagenheit in kollektiver Präzision durch pulsierende Übertragungskraft auszeichnete. Betonten die Musiker bewusst die gefühligen Harmonieenden des etwas dunkleren, feinen Adagios, setzten sie die knackigen Akzente im Allegro mit eingebauter Wallungssteigerung, die durch das vorherige sammelnde, elegante Zurückfahren zum neuen Anlauf besonders transportiert wurde. Allerdings verschenkten sie auch Fugen-Effekte und noch entfaltbarere Atmosphäregewinnung, da sich die Violinen durch das Beieinanderstehen nicht ausreichend voneinander abhoben und die Lagen klanglich auf jeweils einer räumlichen Seite blieben.

In kongenialer Rücksichtnahme der Violin-Stimmgruppen sowie einer Präsenz der Bratschen und Celli aber federte Il pomo d'oro im Auftakt der ersten Hamburger Symphonie Carl Philip Emanuel Bachs einerseits eine Galanz ab, brach die Doppelgriff-Akkorde andererseits zudem mit der benötigten straffen Homogenität, um sein Verständnis der aufkommenen Stilistik gekonnt zu demonstrieren. Das Beste heraus holte es aus dem Mittelsatz mit der leidenschaftlichen Einziehung der dynamischen und phrasierten Kontraste, das das Ensemble im springenden Presto mit seinem zisellierten Achtel- und Sechszehntelverlauf samt einschlagenden harten Akkordstrahlen durch starke, einheitliche Akzentuierung und lobenswerte Höhenintonation frisch und griffig finalisierte.

Ein noch wechselvollerer Wirbelwind kam mit Solistin Alina Ibragimova in Michael Haydns G-Dur-Violinkonzert ins Spiel, die dessen oft vernachlässigtes Schaffen so mit größtem Nachdruck übermittelte. Da sie dies konsequent ohne Vibrato und mit bestechender Bogenbetonung und Dynamiklust tat, war der Hörgewinn von gestochener Schärfe. Aufmerksam abgestimmt und unter umsichtig, gelassener Führung Guglielmos ging dafür das Orchester in der Begleitung zurück, wobei es in den Tutti-Passagen auffallend weich agierte, sodass mit den gegensätzlichen, virtuosen, rauen Doppelgriff-Arpeggien der Solovioline die Anlage aus drängendem Schritt und eleganter Lieblichkeit offen zu Tage trat. Mit gezogener Expression und noch stärkerer Artikulationseffizienz verzierte Ibragimova die Romanze, in der die Aufstellung durch die weiten unisono-Strukturen der Begleitung ein einzig Mal Sinn machte. Wie sie hier die naturalistische, sanfte Verzückung mit fast verstummender Kadenz auskostete, wuselte sich Ibragimova schließlich durch ein aufgeheiztes Finale, einer immer intensiveren, gefälligeren Mixtur aus Gavotte, Menuett und Scherzo, bei dem ansprechend rüde, feurige Kernigkeit mit kurzen Luftholern den Schalter zu einem farbig-stilistischen Jux umlegten, den auch Il pomo d'oro in seiner genauso flinken Reaktion zielsicher gefunden hatte.

Für Mendelssohns zeitlebige Auseinandersetzung mit Bach und Mozart sprechen unter anderem seine zwölf Streichersymphonien, elevische Meisterstücke über ein Fugenthema im Auftrag Carl Friedrich Zelters, von dem das Ensemble die Nummer 10 präsentierte, die im Aufbau so dem nachmittaglichen Beginn mit Hasse entsprach. In leisen Nuancen breitete es die für Mendelssohn typische lineare Ebene der spannenden und zauberhaften Ruhe aus, in der nur die Violen eine etwas gesanglichere Ausnahme bildeten. Diese beiden waren dann in ihrer Zweistimmigkeit im jugendlich-klassischen Allegro jedoch im weiten Rund etwas dünn, während die Streicherkollegen die Fugen mit betont dynamischer Wendigkeit nahmen, was aber alles im dominierten Legato und trotz eines gefühlvoll stimmigen Accelerandos zum Schluss etwas braver erschien.

Die geballte Fetzigkeit holte Ibragimova zurück, die Mendelssohns Erstem Violinkonzert eine gehörige Frischzellenkur mit unbedingtem Verbreitungswunsch verpasste. Stilsicher mit frühromantisch ornamentiertem Vibratoeinsatz und bekannt dynamischem Extremum brachte sie die pubertären Schwankungen von energisch leuchtend-virtuosem Aufruhr und kurzer – melodisch träumerischer – Melancholie ausdrucksstark zur Geltung, die im ersten Satz ein barockes Ende finden. Hervorragend wach dabei das Orchester, das die Tempoverschiebungen blitzschnell erkannte und von Ibragimovas wahnsinnigen Kettenläufen imitierend angestachelt wurde. Lediglich das Cembalo wollte – natürlich neben der Aufstellung – nicht zur Originalität Mendelssohns passen.

Ibragimova glitt nach orchestraler Vorgabe mit Konturschärfe zärtlich in einen Streicher-Dialog, in dem Kraft und Schweben, stets im Moment vereint waren und fegte nach aushauchendem Flageolett geradezu durch das voller Überschwang in ungarischem Tanzrausch gehaltene Finale, in dem sie und die angefeuerten Pomos mit den solistisch reizenden Kontrasten Achterbahn fuhren und dem ganzen Sturm und Drang am Ende einen krönenden, unterhaltsamen Streich spielten.