Bei aller kulturellen Corona-Depression letztes Jahr gab es zumindest in Budapest etwas zu feiern: Das Ungarische Zentrum für Alte Musik wurde endlich institutionalisiert und firmiert seither anlässlich seines Schirmherrn Fürst Esterházy unter dem Namen Haydneum. Am prominentesten wahrnehmbarer Hauptkopf ist natürlich Dirigent Györgyi Vashegyi mit seinem Purcell Choir und Orfeo Orchestra. Er bringt nicht nur fast jedes halbe Jahr französische Opern zur neuzeitlichen Erstaufführung, sondern ruft auch generell viele Chorwerke von Barock bis Romantik auf historischen Instrumenten ins Gedächtnis des ungarischen Publikums. Meines Wissens erstmals so auch Haydns Oratorium Il ritorno di Tobia, das – mit drei bedeutenderen, moderngespielten ungarischen Live-Ausnahmen – leider nach wie vor ein ziemliches Schattendasein zu seinen übermächtigen Geschwistern Die Schöpfung und Die Jahreszeiten fristet, die traditionell auf dem Müpa-Neujahrsprogramm stehen.

György Vashegyi und die Solisten
© Attila Nagy, Müpa Budapest

Im Wien der Habsburger Hofkapelle hatte sich das Warten des Ehepaares Anna und Tobias (zur Unterscheidung Tobit genannt) auf Sohn Tobias, der nach Abenteuer- und Geschäftsreise sowie seiner Heirat mit Sarah seinen Vater nach Hinweis von Erzengel Raphael von der Erblindung heilt, allerdings großer Beliebtheit erfreut. Deren letzter Chef, Johann Georg Reutter d. J., komponierte dort noch seine Version des Stoffes, die Haydn als ehemaliger Lehrling genauso vernommen haben könnte wie die Umsetzung Josef Mysliveceks in Prag 1769, fünf Jahre bevor er zur eigenen Arbeit schritt. Mozart traf Haydn ausgerechnet bei seiner zweiten Tobia-Aufführung und auch Beethoven machte mit genau diesem Oratorium 1808 Bekanntschaft. In erste historisch informierte Hörberührung kam ich selbst mit dem höchste Anforderungen stellenden Stück durch Andreas Spering. Er integrierte die beiden 1784 hinzugenommenen Chöre (zweiterer davon später in die Motette Insanae et vanae curae umgearbeitet) in die Urfassung und seine Solisten waren allesamt ursprünglich für die Interpretation Vashegyis vorgesehen. Mezzo Ann Hallenberg wurde hierbei durch Eszter Balogh ersetzt, und auch Sopran Sophie Karthäsuer fiel kurzfristig aus, sodass ihre Rolle von Réka Kristof eingenommen werden musste.

György Vashegyi
© Attila Nagy, Müpa Budapest

Im Gegensatz zu Sperings Mischform aus Erst- und Zweitfassung entschied sich Vashegyi konsequent für die Überarbeitung, instrumental schon kenntlich gemacht durch die Verwendung des am Abend im Orchester prominent hervortretenden Hammerklaviers. Bestehen an dessen Verwendung zwar noch gewisse Zweifel, ist sicher, dass die Corni inglesi (Grenser-Bassettoboen) besetzt wurden. Sie brachten ihren tieferen Klang in drei Arien und dem ersten Chor direkt nach der Sinfonia ein, der Ouvertüre, die die große Nähe zur Oper markiert und so herrlich ist wie das Gesamtwerk. Sie wurde derart inspirierend, historisch und richtig zur Geltung kommend in der dafür üblichen antiphonen Aufstellung gespielt, dass die Dynamik, Akzente, Spritzigkeit und besonders auch die so wichtige rezitativische Theatralik souveräne i-Punkte auf der Darbietung des Orfeo Orchestras darstellten. Zudem legte das Ensemble eine vorbildliche Balance an den Tag, die die existenzielle Einheit mit dem Purcell Choir unterstrich. Dieser warf weich und akkurat Rührung, überschäumende Wunderhoffnung, rasend-dramatische Zuschauerverdammnis bei der Behandlung und abschließend strahlenden Jehova-Dank der Hebräer ein.

Orfeo Orchestra und Purcell Choir
© Attila Nagy, Müpa Budapest

Vom Hocker riss mich Eszter Balogh, die als stets leidenschaftlich sorgende, ehrwürdige, furiose, durchsetzungsstarke Anna wunderbare Elemente von Phrasierung und dunklen Farben parat hatte, dazu brillante Bravurageläufigkeit und breiten Registerumfang für den glaubwürdigen virtuosen Vortrag. Nikolay Borchev überzeugte mit warmem, lyrischem, gediegenem Bariton, der von der großen Frömmigkeit und nehmerqualitativer Zuversicht Tobits zeugte, obwohl dieser eigentlich im Zuge der Behandlung viel klagt und Mitleid nötig hat. An der medizinischen Prozedur übte sich Tobias mit der barocktrainierten, gefällig schnörkellosen, trockeneren, dadurch aber umso eloquent-klareren, ab und zu in der Höhe intonationsanfälligen Tenorstimme Anders Dahlins, der Sarah anmutige Liebe bekundete. Diese erwiderte sie in hinreißend zugeneigter Manier durch Réka Kristofs Leichtgang, der trotz starken Vibratos von Geschmeidigkeit geflutet war und Grundpfeiler von Tobias‘ und Annas Beruhigung. Hatte Sarah auch Einfluss auf Tobits Heilung, wachte über allem Raphael. Roberta Invernizzi ließ ihn mit amplitudenreicherem Vibrato und gefühlt stimmtechnisch höherer Anstrengung für ihre deklamatorische Deutlichkeit und zackige Betonungsvehemenz expressiv-lebhafte Beteuerungen des Gelingens aussenden.

Die Vorstellung wurde vom Livestream von Müpa Budapest rezensiert.

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