Es war einiges los im Jahr 1737 in Paris: Telemann traf in der Stadt ein und verfolgte die munteren Diskussionen über Rameaus neuestes Werk, debütierte als erster deutscher Komponist im berüchtigten Concert Spirituel und ebnete den späteren Weg für fortan an Nicht-Franzosen ausgesprochene Einladungen und Aufführungsbestellungen wie Mozart und Haydn. Das musikalische Chaos brach mit der Lautmalereigewalt Rebels Symphonie-Suite Les Elements aus, die sowohl Telemann als auch Rameau in ihren Stücken parademäßig mit eigentümlichem Witz und einiger Knallerei auf die Spitze trieben. Joseph Haydn war gerade fünf Jahre alt und seine emotionale Aufruhr dürfte in der Geburt seines Bruders Michael gelegen haben. Mit sechsundsechszig Jahren aber und seinen symphonischen Erfolgen hatte er schließlich seinen eigenen Urknall mit der Schöpfung, einem lautmalerischen Oratorium, das die erwähnten barocken Vorläufer vergessen machte und seit 1798 zum Klassiker schlechthin wurde. Thomas Hengelbrock und seine Balthasar-Neumann-Ensembles führten sie nun in der ihr verbundenen Stätte des Konzerthauses Dortmund auf.

Thomas Hengelbrock © Pascal Amos Rest
Thomas Hengelbrock
© Pascal Amos Rest

Und eben dort fand 2016 schon Beeindruckendes statt, als diese Musiker Mendelssohns Elias-Oratorium wortgetreu zum Besten gaben, woran Hengelbrock nach einer intensiven Darstellung der Schöpfung gerne erinnerte. Zuvor hatte er alles gegeben, den Haydn'schen Tonbericht wieder so lebendig und anschaulich, lustvoll, spannend und detailreich zu erzählen, dass das Kunststück dieser wunderbaren Komposition und der Geist des Komponisten auf den Zuhörer, ja Zuschauer, übertragen wurde. Denn das Klangliche formte er – in vorgebend pantomimischer Anheizung – durch sein Orchester derart plastisch und leibhaftig erfahrend, dass das Hören einem schnellgetakteten Actionthriller mit komödiantischem Touch gleichkam, bei dem keine Zeit blieb, dass Erlebte zu verarbeiten, da sofort und an jeder Ecke etwas Neues passierte. Mit Camilla Tilling, die die Empfindung in ihrer ersten Arie als Erzengel Gabriel staccato-gewitzt auf den Punkt traf, versetzte die Interpretation in Staunen ob der herausgekitzelten Einfälle und Effekte.

Dem trug beispielsweise Tareq Nazmi Rechnung, als er ungläubig, schüchtern, mit gerader, „unreifer“, noch ungeschliffener Stimme zum Vortrag Raphaels ansetzte, nachdem das Chaos im beginnenden und verschwindenen Nichts (samt ausgiebiger Fermaten) ausgeklungen war. Zwar wies die durchaus schwierige Einleitung instrumental noch kleinere merkliche Patzer auf, doch flirrte die Spannung mit höchstgradiger Dynamik, kontrastierenden Streichern und akzentgebenden Bläsern schon auf, die schließlich mit der Entstehung des Lichts berstend hell aufflammen sollte. Dafür wählte Hengelbrock vor dem Einschalten zunächst eine Generalpause, dann ein Ritenuto zum schallenden Losfeuern der Strahlen, die der fulminante Balthasar-Neumann-Chor aussandte. Es war nicht die einzige Freiheit, die sich der Dirigent nahm: so assistierte den abermals fantastisch ausgeführten Chornummern – zudem teilweise in einem Terzett – eine besetzungsfremde Orgel. Außerdem erhoben sich über das Geschriebene hinaus Trompeten und Hörner zur freudig-festlichen Untermalung des Himmelsspektakels, das sich glänzend entwickelte. Die im Saal vernünftige Postierung der Solisten mittig hinter dem Orchester funktionierte, um Text, erweckende Phrasierungsmuster und genüssliche Betonung verständlich balanciert zu vernehmen.

Balthasar-Neumann-Ensemble und Chor © Pascal Amos Rest
Balthasar-Neumann-Ensemble und Chor
© Pascal Amos Rest

Tillings Vibrato und Legatopräferenz schien zunächst eher etwas hinderlich, jedoch fand sie mit dem Heranwachsen der Flora eine gute Mischung aus angenehm straffer, stets diktionsstarker Form, akkurater Verzierung sowie betonter Pointierung und sanften Schwebezuständen, die letztlich erhaben und galant in der pfiffigen Vogelarie referierten. Diese brachte auch Lothar Odinius in Person des Uriel in operaler Köstlichkeit zum Ausdruck, gleichfalls hinreißend sowohl in zarten Pianissimi lyrischer Finesse (wennauch mit kleinen Wacklern in offengelegter Anmut) als auch in sprudelnd tenoraler Leidenschaft in fortschreitendem Angesicht jener unfassbaren Genesis. Nazmi ließ – obwohl deutlicheres Piano den Kontrasten Nachdruck verliehen hätte – in edler und kerniger Stärke einerseits würzig-geladen gewaltige Ströme, andererseits angenehm leicht-schlängelnd ruhige Bäche ziehen.

Mit kommentatorischer Theatralikfärbung verkündete er die faszienierend schillernde Generierung der Tierwelt, alles so herrlich Naturalistische, das das Balthasar-Neumann-Ensemble dank ihrer Instrumente und daran mikroskopierenden Spiel-Techniker besonders farbenreich und in korrekt geübter antiphoner Aufstellung stereoeffekthaft einfing: Rauschen und Donnern, kriechendes Geraschel, Plätschern, Gebrüll und Gezwitscher. Eine Wonne, zum Beispiel besonders hervorgehoben dem lautmalerischen Schauspiel der Bläserschar, aber ebenfalls den Kontrabässen und später den kleinen Einstreuungen des Hammerklaviers beizuwohnen.

Hatte das Terzett in engelsgemeinschaftlicher Cantabile-Gestaltung stimmlich zueinandergepasst, deckten sich die Timbres von Adam und Eva im Appendix der ersten Schritte des Menchengeschöpfs nicht ganz so mustergültig. Dennoch sprießte frisches, junges, süßlich angehauchtes Romanzenglück umher, das vor allem Katharina Konradis freudiger, weich fließender, ausgewogener, mit vibratolosen Ansätzen und zielgenauen Höhen versehener Sopran unterfütterte, in dem ebenfalls Betonungsklarheit schlummerte. Die Lust am genauen Betonen hatte in André Morsch dagegen einen noch größeren Verfechter, wobei der schlankere Bariton einerseits in flinkerer Verwendung und text-gezogener Phrasierung sehr gefiel, das vorgelagerte Ziehen zum Ton allerdings und ein leicht trockenerer Schlag andererseits hier unfeiner auffielen.

Mit gesteigerter Ausstrahlung erweckte er jedoch den Chor zu den erquickenden, zupackenden, feierlichen Lobpreisungen, deren knackige Frische gepaart mit Eleganz, rauschhafter Energie sowie dynamischer und deklamationsphänomenaler Luzidität ihren Schlusspunkt in einer vollkommenen Fuge hatte. Vollkommen wie beinahe diese Schöpfungspremiere im Konzerthaus Dortmund.

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