Figaro, Kammerdiener des Grafen Almaviva, will Susanna heiraten. Doch diese wird auch von vielen andern verehrt, darunter der große Herr persönlich. Und dann taucht auch noch Marcellina auf, die Figaros Eheversprechen eingelöst haben will, bevor sie sich als Mutter desselben entpuppt. Langeweile kommt nicht auf bei den Verwechselspielchen dieser Geschichte, der Genius Mozart mit seiner Musik Farbe und Leben einhaucht. Die Wiederaufnahme der Göteborger Oper glänzte mit einem stimmigen Ensemble unter der Leitung von Leo Hussain in einer zeitlosen Inszenierung.

230 Jahre feiert der Figaro und spricht heute wie damals die Massen an. Den steinernen Weg, den Komponist Mozart und Librettist da Ponte bis zur Durchsetzung ihres Werkes gehen mussten, kann man heute nur noch erahnen. Die erste Hürde lag schon in der Stoffwahl Mozarts. Die Aufführung des Lustspiels des Franzosen Beaumarchais wurde zuvor vom Monarchen persönlich verboten und auch die Gegenwärtigkeit des Stücks nahm ihm nichts von seinem herausfordernden Charakter. Da Ponte ist es zu verdanken, dass die Oper unter dem Schutz Kaiser Josephs aufgeführt wurde und schon bei ihrer Premiere einen sensationellen Erfolg feierte. Die meisterhaft gezeichneten Menschen werden durch die Musik noch konturierter und zeigen jeder für sich eine pointierte Entwicklung im komplex geflochtenen Handlungsstrang.

Eines der schönsten Beispiele bot an diesem Sofie Asplund in ihrer Verkörperung der Susanna. Mimte sie zu Beginn noch perfekt die Rolle des jungen Mädels, war im finalen Akt nichts mehr von der früheren Schalkhaftigkeit zu spüren. Ihr agiler, feiner Sopran fand in der Rosenarie eine samtene Note, die ihre Entwicklung zur reifen Frau erkennen ließ. Asplund, die die Premiere der Produktion als Einspringerin rettete, avancierte schnell zur großen Neuentdeckung und wurde am vergangenen Abend für ihre musikalischen Leistungen geehrt. Hervorstechend war auch die Interpretation des Cherubino von Ann-Kristin Jones. Wechselnd zwischen jugendlicher Ungeduld und vergehendem Schmachten unterhielt die junge Mezzosopranistin in jedem ihrer Auftritte. Ihre weiche Höhe kam besonders in den zahlreichen Liebesschwüren zur Geltung; voll Sinnlichkeit spannte sie weite legato-Bögen auf, die von ihrem scheinbar endlosen Atem getragen wurden.

Auch der Rest des Ensembles zeigte seine Freude am Mozartsingen. Daniel Hällström und Maria Luigia Borsi als Ehepaar Almaviva fanden immer den richtigen Ton, sowohl in ihren Soli als auch in den zahlreichen Ensembles. Hällström sang den Grafen mit stetig wachsender Tiefe, die der steigenden Erregung seiner Figur Ausdruck verlieh; Gräfin Almaviva fand den Weg aus ihrem Selbstmitleid, als sie beschloss, ihrem Gatten eine Falle zu stellen. Wie ihre Rolle schien auch Borsi in dieser Arie ihr inneres Gleichgewicht zu finden und verlor die einhüllende und zugleich packende Wärme ihres Soprans bis zum Schluss nicht mehr.

Markus Schwartz gab dem Figaro mit seinem kantigen Bass-Bariton den nötigen Biss. Gleich in seiner ersten Arie „Se vuol ballare, signor Contino“ zeigte er mit pointierter Dynamik die grollende Schelmenhaftigkeit seines Charakters. Einzig im Quartett mit dem Grafenpaar und seiner Verlobten ließ er etwas an Volumen vermissen, sodass sein Standpunkt im Wechsel der Worte unterging.

Das Geschehen wurde unter der Regie von Stephen Langridge in ein zeitloses Konstrukt gestellt. Ein Haus mit durchsichtigen Wänden und Türen half, das dicht gesponnene Netz der Geschichte zu durchschauen. So war die Verbindung der Figuren, wenn auch räumlich getrennt, immer deutlich zu erkennen. Besonders einfühlsam war die Wahl der Kostüme von George Souglides. Zwischen Topfschnitt und perfekter Lockenmähne war das Aussehen der Akteure bis hin zur Frisur ideal auf den jeweiligen Charakter abgestimmt.

In den ersten drei Akten wurde die Szenerie von Weiß dominiert, während grau und schwarz die entscheidenden Akzente setzten. Erst in der letzten Szene wich das helle Licht einem mystischen Blau. Während die Protagonisten mit Taschenlampen Ausschau nach ihren Liebsten hielten, nahm im dunklen Garten das Verwirrspiel seinen Höhepunkt an. Mit dem Auftritt der Gräfin kam wieder Licht und Klarheit in das Geschehen. „Oh Engel, verzeih’ mir!“ bat Daniel Hällström flehend seine Gattin. So viel ehrliche Reue lag in diesen vier Worten, so viel Schmelz, dass die Frau mit einem verständnisvollen Lächeln dem Drama ein Ende setzte. Mit Ruhe und Ehrwürdigkeit und nahm sie die Hand ihres Mannes: „Wie könnt ich denn zürnen, mein Herz spricht für dich”.

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