Die in Charkow (Ukraine) geborene Tänzerin und Schauspielerin Ida Rubinstein gab dem Schweizer Komponisten Arthur Honegger 1934 den Auftrag für sie eine Komposition über Jeanne d'Arc zu schreiben. Honegger war nicht der erste, der mit dem aufsehenerregenden Performance-Star Rubinstein zusammenarbeitete. Neben Debussy und Strawinsky hatte auch Ravel, mit dem sie eng befreundet war, seinen Boléro für sie und ihre Ballgesellschaft komponiert. Das Libretto zu dem anvisierten Werk sollte der französische Dichter Paul Claudel beitragen, der jedoch zunächst ablehnte. Erst nachdem er, wie es heißt, eine Vision hatte, entschied sich der strenggläubige Katholik, den Text zu Jeanne d'Arc au bûcher zu schreiben.

Irène Jacob, Jérôme Kircher, Damien Pass, Damien Bigourdan, Emilien Diard-Detoeuf, Marc Mauillon
© Salzburger Festspiele | Marco Borelli

Im Mittelpunkt von Honeggers großbesetztem Oratorium steht eine Sprechstimme. Bei der Aufführung im Rahmen der diesjährigen Salzburger Festspiele war Irène Jacob in dieser Rolle der zu Recht gefeierte Star. Mit ihrer nur von äußerst sparsamen Gesten begleiteten intensiven Deklamation war sie in der Rolle der Jeanne der Dreh- und Angelpunkt in Honeggers Meisterwerk.

Der imposante Saal der Salzburger Felsenreitschule mit seinen in den groben Felsen gehauenen Arkadenreihen bot die ideale archaische Bühne für das vielbesungene grausame Lebensende der französischen Nationalheiligen. Passenderweise hatte schon zu Lebzeiten der echten Jungfrau von Orleans über der Salzach eine mittelalterliche Burg gestanden. Mit erwartungsgemäß düsteren geheimnisvollen Klängen der tiefen Streicher begann das SWR Symphonieorchester unter der inspirierenden Leitung von Maxime Pascal den ungewöhnlichen Konzertabend. Der hervorragende Chor des Bayerischen Rundfunks beschwor geradezu wörtlich die Finsternis.

Martina Belli, Mélissa Petit, Elena Tsallagova, Irène Jacob, Maxime Pascal, Jérôme Kircher
© Salzburger Festspiele | Marco Borelli

Claudel lässt in seinem fantasiereichen Libretto die historisch verbürgte Gerichtsverhandlung von Eseln, Schafen und Schweinen abhalten. Damit referiert er nicht nur wortspielerisch an die damaligen aktenkundigen Akteure, sondern unterstreicht vor allem das abgekartete Spiel des damaligen Schauprozesses. Jeanne hatte in diesem politischen Machtspiel nicht den Hauch einer Chance. Unter der Drohung von Folter und Brandstapel unterschreibt sie erst ein Geständnis, dass sie kurz darauf jedoch widerruft und danach bis auf den Scheiterhaufen an ihren Glauben und die Wahrheit ihrer göttlicher Berufung festhält. 

Honegger spielt mit den unterschiedlichsten Musikgattungen: Die Partitur strotzt von mittelalterlichen Klängen, über Walzer und Cancan bis hin zu Varieté-Musik. Dazu setzt er Schafsgeblök und Eselschreie zu Musik und verwendet ganz neutönerisch und als erster klassischer Komponist das erst kurz zuvor (1928) entwickelte Ondes Martenot, ein monophones elektronisches Instrument, das später auch Messiaen und Varèse in ihren Kompositionen verwenden würden.

Jeanne d'Arc au bûcher
© Salzburger Festspiele | Marco Borelli

Jerôme Kircher stand als Sprecher Jacob gleichrangig in der Rolle des Frère Dominique gegenüber. Durch den aufwühlenden Dialog dieser beiden charismatischen Schauspieler hatte man teilweise das Gefühl einem sakralen Theaterstück beizuwohnen. Zu ihrer Unterstützung waren aber nicht nur der ideal disponierte Chor und das SWR-Orchester auf der breiten Bühne, sondern auch der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor nebst ihrer beeindruckenden Solistin. Dazu kamen noch die vielen unterschiedlichen von Honegger konzipierten Sprech- und Gesangsrollen, die mit allen voran Elena Tsallagova, Melissa Petit, Martina Belli, Damien Bigourdan, Marc Mauillon, Damien Pass und Emilien Diard-Detoeuf allemal hervorragend besetzt waren.

Im Siegestaumel nach der Befreiung Frankreichs erweiterten Claudel und Honegger 1944 Jeanne d´Arc au bûcher mit einem Prolog und gaben ihrem 1938 erfolgreich uraufgeführten Werk damit den entscheidenden, auch heute noch aktuellen Bezug. Unter schwierigsten Bedingungen an seinen Überzeugungen festzuhalten, bleibt ein unschätzbar wichtiges Gut. Die Aufgabe von Künstlern aller Couleur ist es, mit ihren Mitteln überzeugend davon zu erzählen.

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