Eine Figur beherrscht die Bühne der Oper Stuttgart, obwohl sie keinen Ton von sich gibt. Es ist der Knabe, den wir am Ende von Heinrich von Kleists Erzählung über das Erdbeben in Chili, das dieser Oper zugrunde liegt, als Säugling bei seinen Pflegeeltern verlassen. In Marcel Beyers Opernlibretto ist er herangewachsen und hat erfahren, dass seine Eltern nicht seine leiblichen sind. In Traumszenen sucht er sich nun seine Vergangenheit zusammen, die ihn traumatisiert und also sprachlos gemacht hat. Die uneheliche Geburt, das Erdbeben, die Inhaftierung und Verurteilung zum Tod seiner Eltern, deren Rettung, bis der Pöbel sie doch noch lyncht.

Sachiko Hara (Philipp) © A.T. Schaefer
Sachiko Hara (Philipp)
© A.T. Schaefer

Hosokawas Oper Erdbeben. Träume beginnt nach der Katastrophe. Zu Beginn tauchen wie aus dem Nichts von den Streichern des Orchesters fahle Klänge auf, als ob ein leiser Lufthauch über die Erde zöge, ein Gifthauch, der alles Leben erstickt. Und viel Leben ist da auch nicht mehr, lediglich zwei Erwachsene, denen die Masse das neugeborene Kind getötet hat, und das Kind, dem beide Eltern umgekommen sind. So endet Heinrich von Kleists Erzählung Das Erdbeben in Chili, das dieser Oper zugrunde liegt. In der Oper ist seit dem Massaker aber bereits einige Zeit vergangen. Die Zerstörung der Welt – erst durch die Naturkatastrophe, dann durch blinde eifernde Wut der Menschen – ist allenthalben spürbar, vor allem in der Musik. Aber auch Librettist Marcel Beyer hat dieses Grauen in Sprache Gestalt werden lassen. Schon gleich zu Beginn ist die Rede von Lüftungsschächten, von kalter Luft, von einer unwirtlichen Welt – der Welt, die für das überlebende Kind fortan Lebenswelt sein muss. Diese Figur, wiewohl sie keinen Laut von sich gibt, zu traumatisiert von den frühkindlichen Erlebnissen, ist das Auge, durch das wir die von Kleist geschilderten Begebenheiten erleben, ist mithin eine – stumme – Hauptfigur.

<i>Erdbeben. Träume</i> © A.T. Schaefer
Erdbeben. Träume
© A.T. Schaefer

Und als solche setzt auch Regisseur Jossi Wieler, der wie stets mit seinem Dramaturgen Sergio Morabito die Bühnenfassung erarbeitet hat, die Figur in Szene. Fast ungläubig besieht er, was sich ihm da offenbart, streichelt vorsichtig dem Baby im Schoß seiner leiblichen Mutter über den Kopf, seinem eigenen Ich in jenen Tagen der Zerstörung – eine faszinierend menschliche Anwandlung in einer unmenschlich gewordenen Welt.

Diese Unmenschlichkeit hat Anna Viebrock in einem beeindruckenden Bühnenbild realisiert – einer Betonneubauruine, die einziger Spielplatz aller Akteure ist, und den Akteuren gewährt Hosokawa weiten Spielraum, sprich dem Chor, der die feindselige Masse verkörpert. Schon zu Beginn kündet er pianissimo aus dem unsichtbaren Dunkel von einer unwirtlich gewordenen Welt, um dann unter der Anleitung der eifernden Demagogen zu gewaltiger Hasslautstärke anzuschwellen. Wie stets meistert der Stuttgarter Chor, der 2017 wieder einmal von Kritikern zum Chor des Jahres gekürt wurde, diese Herausforderung klangschön und ausdrucksstark.

Esther Dierkes (Josephe Asteron), Dominic Große (Jeronimo), Sachiko Hara (Philipp) © A.T. Schaefer
Esther Dierkes (Josephe Asteron), Dominic Große (Jeronimo), Sachiko Hara (Philipp)
© A.T. Schaefer

Beyer hat das alles in seinem Libretto nicht erzählt, sondern Situationen beschrieben, Atmosphären in gelegentlich expressionistisch aufgeladener Sprache, und die hat Hosokawa kongenial in Töne gefasst. Er schildert nicht lautmalerisch ein Erdbeben, sondern ein Gefühl der Bedrohung, des Nichts, des Endes. Sylvain Cambreling realisiert das mit dem Staatsorchester in jedem Takt fulminant nachvollziehend für den Hörer.

Steht der Chor für die Unmenschlichkeit, verkörpern die beiden Elternpaare – das noch überlebende und das von der Plebs hingemetzelte – die Menschlichkeit. Vor allem Esther Dierkes gestaltet die junge Mutter, die unter der Verfolgung des Volkes leidet, weil sie ein Kind unehelich zur Welt gebracht hat, mit klagender Stimme als Opfer, dessen Ende eigentlich schon vorgezeichnet ist, ohne dass sie es wüsste, und André Morsch, der Mann, der die Vaterstelle an dem kinderlos gewordenen Säugling übernommen hat, verkörpert allein durch den Einsatz seiner Stimme – ohne aufgesetzte Emotionen, aber dennoch eindringlich – einen Appell an die Menschlichkeit, die in dieser kalten Gesellschaft abhanden gekommen ist.

Morsch (Fernando Ormez), Marilley (Elvire), Dierkes (Josephe), Hara (Philipp), Große (Heronimo) © A.T. Schaefer
Morsch (Fernando Ormez), Marilley (Elvire), Dierkes (Josephe), Hara (Philipp), Große (Heronimo)
© A.T. Schaefer

Die Handlungselemente, die das Geschehen nachvollziehbar machen, liefert die Regie, der ein Spagat zwischen assoziativen Andeutungen und fast realistischer Handlung gelingt. So wird aus der Volksverhetzungsszene eine Reminiszenz an die Judenpogrome der Nazis, aus der Gegenwart der Erdbebengesellschaft ein stets von Neuem mögliches Szenario der Inhumanität.

Der Abend ist schwere Kost, erfordert Konzentration im Hinhören, fordert zum assoziativen Denken zu den Tönen auf, die nicht Handlung transportieren, sondern Grundbegriffe wie Bedrohung, Angst, Unentrinnbarkeit. So mischen sich Seelenleben und brutale gesellschaftliche Realität zu einem bedrückenden Gesamtbild.