In einer der wohl bedeutendsten Szenen der Filmgeschichte, in Alfred Hitchcocks Psychothriller Suspicion, erscheint Cary Grant als undurchsichtiger Ehemann mit einem Glas Milch. Die weiße Flüssigkeit, die im Dunkeln geheimnisvoll luminesziert, wirkt beängstigend und scheint den Verdacht seiner Gattin (Joan Fontain), zu bestätigen: Der Mann, dem sie unter mysteriösen Umständen begegnet ist, will sie vergiften. Doch es kommt anders.

Thomas Jesatko (Roderick Usher), Statisterie © Walter Mair
Thomas Jesatko (Roderick Usher), Statisterie
© Walter Mair

Auch in Anna Viebrocks szenischer Collage House of Usher am Nationaltheater Mannheim ist am Premierenabend nichts wie es scheint. Noch bevor sich der Vorhang hebt, leuchtet in weißen Druckbuchstaben: „Believe half of what you see and nothing of what you hear.“ Dieses Zitat aus einer Erzählung Edgar Allan Poes steht, wie seine 1839 im amerikanischen Burton’s Gentleman’s Magazine erstmals erschienene Schauergeschichte The Fall of the House of Usher, im Zentrum der Inszenierung der Bühnen- und Kostümbildnerin, die in den vergangenen dreißig Jahren mit Christoph Marthaler und Jossi Wieler Theatergeschichte geschrieben hat.

Charles Baudelaires Übersetzung der Unterganggeschichte hatte Claude Debussy 1908 zu einer musikalischen Bearbeitung für die Opernbühne angeregt. Bis zu seinem Tod blieb sie jedoch Fragment. In den 1970er Jahren von dem chilenischen Komponisten Juan Allende-Blin wiederentdeckt, wurden die musikalischen Skizzen auf der Grundlage des vom französischen Komponisten entworfenen Librettos erstmals für Orchester instrumentiert. Schließlich gelang dem britischen Musikwissenschaftler Robert Orledge eine Gesamtrekonstruktion der Originalblätter, die als La chute de la maison Usher 2006 bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wurde. Am Nationaltheater Mannheim wird das spätromantische Werk Claude Debussys nun zur postmodernen Studie menschlicher Ängste entwickelt. Eingerahmt in eine Szene, welche sich an die Schwarz-Weiß-Verfilmung House of Usher aus den 1960er Jahren anlehnt, konstruiert Anna Viebrock gemeinsam mit ihrem künstlerischen Team die Familientragödie nach Poe und erweitert sie im Hinblick auf die in der Vorlage nur imaginierte Figur der totgeglaubten Schwester Madeline um mehrere Erzählebenen, aus welchen es am Ende kein Entkommen gibt.

Thomas Jesatko (Roderick Usher), Estelle Kruger (Madeline), Statisterie © Walter Mair
Thomas Jesatko (Roderick Usher), Estelle Kruger (Madeline), Statisterie
© Walter Mair

Gleich einer bösen Vorahnung findet sich inmitten eines Salons auf einem Beistelltisch jenes an Alfred Hitchcocks Suspicion erinnerndes Milchglas wieder. Hier, wo sich eine Gesellschaft altenglischer Herren versammelt hat, nimmt das Grauen seinen Anfang: die Möblage bewegt sich wie von Geisterhand, Bücher fallen aus den Regalen und ein auf eine Leinwand oberhalb der Szene projizierter Aschenbecher scheint seinen Inhalt in regelmäßigen Abständen zu verschlingen. Gespenstisch bewegen sich die Clubmitglieder unter der Begleitung eines Pianisten durch den Raum. Als der Untergang des Hauses Usher Erwähnung findet, beginnt sich die Bühnenlandschaft zu drehen. Vom herrschaftlichen Gesellschaftszimmer über einen dunklen Gang und eine von klaustrophobischer Enge geprägte Kammer bis zu einem weiten Stelenfeld entwickelt sich von hier die psychologische Wahnsinnstudie des Hausherrn Roderick.

Als der Freund des letzten Verbliebenen eines von inzestuösen Beziehungen durchzogenen Geschlechts im maroden Saal eintrifft, scheint er neben den aufragenden Grabmalen die einzig noch verbleibende Stütze des Wahnsinnigen. Jorge Lagunes tiefschwerer Bariton wirkt in seinem erdigen Ton wie ein letzter Bezugspunkt zur Wirklichkeit. Doch der Hausherr und Bruder Madelines, von Thomas Jesatko grandios verkörpert, ist in einem dunklen Zwischenreich gefangen. Seine vom Orchester unter der Leitung von Benjamin Reimers behutsam getragenen, von zarter Verzweiflung geprägten, melodischen Passagen brechen in dissonante Schreckensmomente von größter Spannung aus. Dabei legt sich die Düsternis der Streicher wie Nebel auf seine Stimme, welche in seinem Monolog immer wieder abzureißen droht. In diesen Monolog bricht Tenor Uwe Eikötter als Mediziner und vermeintlicher Mörder der Schwester mit sezierend scharfer, klarer Stimme ein und deckt die angebliche Liebesbeziehung zwischen dem Geschwisterpaar Schicht um Schicht auf. Von Angst zersetzt treibt er Roderick vor dem Hintergrund falscher Spiegel und am Boden erscheinender Tierkadaver in den Tod.

Estelle Kruger (Madeline) und Antonis Anissegos (Klavier) © Walter Mair
Estelle Kruger (Madeline) und Antonis Anissegos (Klavier)
© Walter Mair

Doch hier, wo das Opernfragment Claude Debussys endet, beginnt die Geschichte der Schwester Madeline. Durch zwei Gucklöcher in der von Blumen überzogenen Mustertapete an der Wand hat sie die Tragödie beobachtet und auf einem Storyboard für ein Filmprojekt nachgezeichnet. In Anspielung auf Alfred Hitchcocks Vertigo erweist sie sich als Anstifterin einer Verschwörung gegen jene Männer, deren Erzählgegenstand sie war. Doch die Manipulation der von Estelle Kruger im zart lyrischen Sopran gezeichneten Schwester bleibt im voyeuristischen Blickwinkel der Inszenierung nicht ohne Folgen. Unter dem atmosphärischen Klang von Claude Debussys Fantasie für Klavier und Orchester wendet sich der von Antonis Anissegos verkörperte Barpianist gegen sie.

Anna Viebrock beschließt das nicht beendete Musikstück des französischen Komponisten mit einer Anreihung von Versatzstücken. Nicht allein die Ausstattung der Bühne setzt sich hier aus alten Arbeiten der Bühnen- und Kostümbildnerin zusammen, sondern auch die filmisch anmutende Musik. Die Ereignisse um die sich durch die Wände schiebende, skurril anmutende Figur La Peur scheinen einem Zeit- und Raumkontinuum enthoben. Der schottische Schauspieler Graham F. Valentine brilliert in der nicht enden wollenden Gestalt als Rezitator verschiedener Textfragmente Edgar Allan Poes und beschließt mit einem Geständnis aus The Tell-Tale Heart den Reigen an unerklärlichen Ereignissen. Doch kann man ihm noch trauen? Am Ende ist nichts gewiss. Einzig ein kalter Schauer bleibt und die Angst, man sei selbst Teil einer Manipulation geworden.

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