Giacomo Puccinis Il trittico fristet im Opernrepertoire eher ein Schattendasein, bei den Salzburger Festspielen stand in diesem Sommer nun aber eine Neuproduktion am Programm. Die Regie lag dabei in den Händen von Christof Loy, wobei seine Inszenierung vor allem unauffällig war. Der Regisseur hielt sich penibel an die Libretti und interpretierte nicht viel (neu); allerdings konnte die Personenführung umso mehr überzeugen, denn bis in die kleinste Rolle wirkte jeder Charakter differenziert und ausgefeilt. Das Bühnenbild von Étienne Pluss bebilderte die Handlung in reduzierter Optik: ein kahles Schlafzimmer bei Gianni Schicchi, ein Boot sowie ein paar Laternen bei Il tabarro und schließlich ein Klosterraum mit einigen Tischen bei Suor Angelica sorgten dafür, dass die Inszenierung trotz moderner Outfits reichlich traditionell wirkte. Eine überstrahlte aber ohnehin alles: Asmik Grigorian kam, sang und siegte – und das gleich in allen drei Opern, deren Reihenfolge vertauscht wurde, weshalb der heitere Part die Vorstellung eröffnete.

Gianni Schicchi: Asmik Grigorian (Lauretta) und Alexey Neklyudov (Rinuccio)
© SF | Monika Rittershaus

Als Lauretta war Grigorian hier auch gleich für den Gassenhauer verantwortlich, wobei ihr Timbre für das süßliche „O mio babbino caro“ dann doch etwas zu herb war und die Gestaltung etwas weniger Dramatik und dafür mehr Augenzwinkern vertragen hätte. Für die Komik sorgten aber ohnehin die anderen – allen voran Misha Kiria, der als Gianni Schicchi sichtlich seinen Spaß hatte, die Stimme geschmeidig einsetzte und mit sympathisch-listigen Farben die Partie gestaltete. Etwas mit dem Volumen zu kämpfen hatte Alexey Neklyudov, der den Rinuccio zwar nicht immer ganz gegen die Orchesterwogen durchsetzen konnte, aber über einen warm timbrierten Tenor mit viel Schmelz verfügt. Aus der Meute der Möchtegern-Erben stachen außerdem Scott Wilde als würdevoller Simone mit sonorem Bass, Enkelejda Shkosa als schrill-verbitterte Zita und Caterina Piva als Ciesca mit samtigem Timbre und exzellentem komödiantischen Timing hervor. Überhaupt funktionierte die Abstimmung zwischen dem ganzen versammelten Ensemble ausgezeichnet, die Gags saßen und wurden nicht überstrapaziert; ein wirklich unterhaltsamer Einstieg in den Abend!

Gianni Schicchi
© SF | Monika Rittershaus

Dramatisch statt lustig ging es nach der Pause bei Il tabarro weiter, wobei Asmik Grigorian als Giorgetta hier schon deutlich mehr in ihrem Element angekommen zu sein schien. Vokal setzte sie dabei auf eine fein ausgearbeitete Steigerung in Bezug auf die Dramatik; die anfänglich melancholisch bis sehnsuchtsvollen Farben verschwanden kontinuierlich aus ihrem Sopran und wichen purer Frustration über ihre Lebenssituation. An ihrer Seite gab Roman Burdenko einen zunächst abgestumpft scheinenden Michele mit wenig Emotion in der Stimme, sodass der Kontrast zu den sonnig-schimmernden Klangfarben, die er vokal in die Erzählung von Kind, Mantel und glücklicheren Zeiten legte, umso besser zur Geltung kam. Kraftvoll und ungestüm legte Joshua Guerrero den Luigi an; wenig differenziert setzte er jedoch seine Stimme ein und verließ sich vor allem auf Forte und Höhensicherheit – eine effektvolle Kombination, die von ein bisschen mehr Differenziertheit allerdings profitiert hätte. Gut besetzt waren einmal mehr die kleinen Rollen, die mit ihren jeweils eigenen tragischen Geschichten zur deprimierenden Stimmung dieser Oper beitrugen.

Il tabarro: Asmik Grigorian (Giorgetta) und Roman Burdenko (Michele)
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Obwohl bereits die beiden vorangegangenen Werke praktisch keine Wünsche offen gelassen hatten, katapultierte der finale Part den Abend schließlich in spektakuläre Sphären. Aus der Nonnenriege stach zunächst schon Giulia Semenzato hervor, die in der Rolle der Suor Genovieffa mit engelsreinem Sopran und elegantem Legato beeindruckte; als einzige weltliche Figur glänzte Karita Mattila, die als Zia Principessa einnehmende Bühnenpräsenz und vokale Frostigkeit verströmte. Letztlich waren aber alle Augen und Ohren ohnehin nur auf eine gerichtet, nämlich auf Grigorian als Suor Angelica. Und wie sie diese Rolle gestaltete war schlichtweg grandios. Durch zarte Piani ließ sie ihren Sopran schweben, verdeutlichte die Resignation der Figur mit matten Farben und ließ die Stimme aber auch voll Hoffnung schimmern. Mit einem Schrei purer Verzweiflung reagierte sie auf die Nachricht vom Tod des Kindes, in der Arie „Senza mamma“ verband sie perfekte vokale Kontrolle mit großer Emotion und flehte schließlich ergreifend um himmlische Gnade. Dass Grigorian überdies eine begnadete Darstellerin ist, die sich nicht davor scheut, in einer Rolle voll aufzugehen, bescherte dem Abend zusätzlich einige Grad an Intensität und ließ das Publikum im besten Sinne traumatisiert zurück.

Suor Angelica: Karita Mattila (La Zia Principessa) und Asmik Grigorian (Suor Angelica)
© SF | Monika Rittershaus

Franz Welser-Möst und den in Höchstform spielenden Wiener Philharmonikern gelang es an diesem Abend, Puccini sanft von einer Schicht Zuckerguss zu befreien, ohne die Musik dabei ihrer Süffigkeit zu berauben. Die unechten Tränen der gierigen Verwandtschaft des Gianni Schicchi wurden dabei prägnant akzentuiert, aber auch die großen Bögen der Partitur erklangen schwelgerisch und weckten Fernweh nach Florenz. Atmosphärisch flirrte das Orchester beim Tabarro, stets zwischen düsteren und sehnsuchtsvollen Momenten changierend. Ohne die feine Linie zum Kitsch zu überschreiten, wurde bei Suor Angelica dann auch aus dem Graben der emotionale Großangriff gestartet – wer also nicht bereits von Asmik Grigorian zum Weinen gebracht wurde, dem trieben spätestens die herzzerreißend um Erlösung flehenden Streicherklänge die Tränen in die Augen.

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