Gut dreißig Jahre ist es her, dass Christoph von Dohnányi das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks das erste Mal dirigierte. Mit 89 Jahren kehrte er nun endlich wieder an das Pult der Münchner zurück und interpretierte ein Programm, dass sinnbildlich für die Karriere des gebürtigen Berliners steht. Mit Werken von Charles Ives, György Ligeti und Pjotr Tschaikowsky verband Dohnányi nicht nur Romantik und Moderne, sondern auch die Musik der neuen und alten Welt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Dohnányi mit dem Cleveland Orchester lange Zeit eines der führenden Orchester der USA geleitet hat und seither mit allen großen Orchestern Amerikas und Europas zusammenarbeitete.

Christoph von Dohnányi © Fotostudio Heinrich
Christoph von Dohnányi
© Fotostudio Heinrich

Charles IvesThe Unanswered Question eröffnete das Programm in der unerbittlichen Akustik des Herkulessaals. Mit absoluter Tiefenschärfe modellierte Dohnányi den Streicherchoral. Mit dem Rücken zu den Streichern positionierten sich die Flöten am hinteren Ende der Bühne und wurden von einem Co-Dirigenten angeleitet. Die Solo-Trompete platzierte Dohnányi hinter der Bühne. Das vorgeschriebene Missverstehen der Holzbläser und der Trompete folgte bei Dohnányi analytischer Präzision und hinterließ vielleicht gerade deshalb ein mulmiges Gefühl.

György Ligetis Doppelkonzert für Flöte und Oboe hatte Dohnányi 1972 selbst mit den Berliner Philharmonikern uraufgeführt. Auch knapp 50 Jahre nach der Uraufführung ist das Doppelkonzert ein sperriges Werk, das Ligetis Klangflächenkompositionen in konventionelle Genreformen gießt. Die beiden hauseigenen Solisten Hendrik Wiese (Flöte) und Tobias Vogelmann (Oboe) fügten sich in die Mikropolyphonie wunderbar ein, wuchsen immer wieder mit dem Orchesterklang zusammen und traten besonders im zweiten Satz virtuos hervor. Wiese, der sich von der tiefen Altflöte über die Bassflöte zur großen C-Flöte vorarbeitete, scheute die Dissonanzen sowohl mit seinem Solistenpartner als auch mit dem Orchester nicht. Auch Dohnányi glättete an dem Werk nichts und so entwickelte das Doppelkonzert einen weitgreifenden Spannungsbogen und entfaltete besonders im bewegt-unruhigen zweiten Satz hektische Betriebsamkeit. Lediglich sehr dezent leitete Dohnányi das Orchester dabei mit kleinen, ruhigen Bewegungen an

Tschaikowskys „Pathétique“ als romantischer Gegenpol zur modernen ersten Hälfte ging Dohnányi mit geradezu weihevoller Tiefe an. Im Gegensatz zu den hochdramatischen, vorpreschenden Interpretationen seiner jungen Kollegen, wirkte bei Dohnányis Interpretation nichts gehetzt, sondern an vielen Stellen sehr gut überlegt. Obwohl Dohnányi auf eine effektvolle Darstellung verzichtete, wirkte seine Interpretation direkter, tiefer und auf gewisse Weise nachhaltiger. Nach der düsteren Adagio-Einleitung entwickelte Dohnányi die Themen mit solcher stoischen Ruhe fort, dass die dramatische Prägnanz der Durchführung wie entfesselt wirkte. Russisch klang das Ganze dabei nicht wirklich, doch das konnte man bei dieser Interpretation nicht als Nachteil verstehen. Neben der Eleganz des Walzers im zweiten Satz, stach in den mittleren Sätzen die unerbittliche Vehemenz des Marschmotivs hervor, die in ihrer übertriebenen Heroik sich zur Finalgroteske aufschwang. Das abschließende Adagio lamentoso verbreitete schließlich Requiem-Stimmung, wobei Dohnányi auch hier genau darauf achtete, die Emotion sinnvoll abzuschmecken. Nicht fatalistische Trauer stand im Vordergrund, sondern viel mehr ein melancholisches Resümee.

Es war nicht überraschend, dass Dohnányi der Musik mit großer musikalischer Reife entgegentrat. Spannend war, wie er es schaffte, die Symphonie auf seine ganz eigene Weise zu entwickeln. Statt überdramatischen Ablenkungsmanövern traf Dohnányi mit einer sehr direkten Interpretation geradewegs in Herz.

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