Nach drei erfolgreichen Dates – in Form von Dirigaten bei Tristan und Isolde, Ariane et Barbe-Bleue und König Roger – wagen die Grazer Philharmoniker und Roland Kluttig nun den nächsten Schritt ihrer künstlerischen Beziehung. Ab der Saison 2020/21 hat der gebürtige Dresdner den Posten als Chefdirigent inne. Dass „der Neue” an der Seite des Orchesters bei der Werkauswahl erfreulicherweise nicht nur auf Mainstream setzt, davon konnte sich das Publikum nun gleich beim Eröffnungskonzert überzeugen, bei dem ein Bogen von Beethoven bis Weinberg gespannt wurde.

Roland Kluttig © Oliver Wolf
Roland Kluttig
© Oliver Wolf

Die erste Konzerthälfte gehörte dabei den selten gespielten Komponisten, den Anfang machte The Unanswered Question des Amerikaners Charles Ives, der sein Werk selbst so beschrieb: „Die Streicher spielen durchgehend ppp ohne das Tempo zu verändern [...]. Die Trompete intoniert die ,ewige Frage der Existenz’ [...] die Jagd der Flöten [...] nach der ,unsichtbaren Antwort’ wird Schritt für Schritt aktiver, schneller und lauter.” Die psychedelisch anmutenden Streicher und die sich von dezent zu zeternd steigernden Flöten des Orchesters verdeutlichten diese Intention des Komponisten plastisch und dadurch, dass Roland Kluttig zuvor einführende Worte an das Publikum gerichtet hatte, reagierten auch konservative Hörer durchaus aufgeschlossen auf dieses Werk. Zwei durch die Nazis verfolgte Komponisten, deren Werke durch die Kulturpolitik des Dritten Reichs von den Spielplänen gedrängt wurden und dadurch in Vergessenheit gerieten, wurden im Rahmen des Eröffnungskonzerts wieder zurück auf die große Bühne geholt: In Mieczysław Weinbergs Kammersymphonie Nr. 2 für Streichorchester und Pauken ist die musikalische Nähe des Komponisten zu Schostakowitsch nicht zu überhören. Wie ein aufgewühltes Meer, das von innerem Drängen getrieben wird, erklang das Orchester im ersten Satz; im zweiten schufen die Musiker eine spooky anmutende Grundstimmung und wurden von Kluttig durchgehend zu feinen dynamischen Abstufungen angehalten. Der dritte Satz endet schließlich unvermittelt, so als ob Weinberg das Publikum mit der Weltschwere alleine lassen wollte und die Grazer Philharmoniker hielten die innere Spannung bis zu diesem abrupten Schluss auf einem Maximallevel. Bei Józef Kofflers Symphonie Nr. 2 durfte schließlich wirklich das gesamte Orchester gemeinsam antreten: besonders schön war hier dann etwa auch, wie fein die melancholischen Motive der Holzbläser im dritten Satz erklangen, bevor sie von den Streichern aufgegriffen wurden. Die komplexen Fäden dieser Symphonie, bei der Koffler Zwölftontechnik und Neoklassizismus verband, liefen stets wunderbar koordiniert beim Chefdirigenten zusammen, der ein homogenes Klangbild und ein ausgewogenes Zusammenspiel von Bläsern und Streichern vorgab.

Anna Princeva © Oliver Wolf
Anna Princeva
© Oliver Wolf

Nach der Pause stand der Jahresjubilar Ludwig van Beethoven uneingeschränkt im Mittelpunkt, zu hören gab es die Konzertarie Ah! perfido und die Symphonie Nr. 5. In einen Traum aus rotem Tüll gehüllt interpretierte Anna Princeva ein mit viel Emphase gestaltetes Ah! perfido, wobei ihr Sopran in der Höhe jedoch zu einiger Schärfe neigte und die Mittellage der angenehm dunkel timbrierten Stimme von einem ausladenden Vibrato begleitet wurde. Mit voller Entschlossenheit stürzten sich Roland Kluttig und die Grazer Philharmoniker danach in das einleitende Schicksalsmotiv von Beethovens Fünfter; flotte Tempi und die Gelegenheit, jede Instrumentengruppe individuell strahlen zu lassen – etwa die sonnig-lyrische Oboe im ersten Satz – prägten die Interpretation. Die Begeisterung darüber, dass tatsächlich in voller Orchesterbesetzung vor situationsbedingt einigermaßen gut gefüllten Haus (zum Einsatz kommt auch in Graz das bewährte Schachbrettmuster) in die Saison gestartet werden konnte, war nicht nur Orchester und Dirigent im überschwänglich jubelnden Finale des letzten Satzes deutlich anzumerken; auch beim Publikum verbanden sich Freude über das Gehörte mit Vorfreude auf kommende Opernproduktionen und Konzertabende.

****1