Der seit 2019 als Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker agierende Kirill Petrenko hat sich in den letzten Jahren mit überaus ungewöhnlichen Konzertprogrammen, oftmals bestehend aus selten aufgeführten Stücken, die hierzulande zu Unrecht über wenig Bekanntheit verfügen, hervorgetan, und präsentierte mit Tschaikowskys Jolanthe eine weitere Opernrarität. Im November startete der russische Dirigent mit seiner Tschaikowsky-Trilogie und der ebenso wenig gespielten Oper Mazeppa. Im Frühling wird er sie mit Pique Dame abschließen.

Kirill Petrenko dirigiert Jolanthe
© Ole Schwarz

Die 1892 uraufgeführte Oper Jolanthe, deren Libretto von Modest Tschaikowsky, dem Bruder des Komponisten verfasst wurde, gilt ganz zu Unrecht als Rarität im Schatten Tschaikowskys prominenterer Opern wie Eugen Onegin, oder seinen Ballettmusiken, steht sie ihnen doch in ihrer Tragik und musikalischer Schönheit um nichts nach. Das Märchen um die blinde Königstochter Jolanthe, die dank der Liebe zu einem unbekannten Ritter wieder sehen kann, basiert auf Vorlage einer real existierenden Herzogin und endet – ganz untypisch für Tschaikowsky – mit einem Happy End.

Asmik Grigorian
© Ole Schwarz

Für die unpässliche Sonya Yoncheva sprang die international gefragte Sopranistin Asmik Grigorian ein, die in der Rolle der Jolanthe bereits an der Oper Frankfurt brilliert hatte. Grigorians müheloser und ungewöhnlich zärtlich klingender Sopran schwebte über dem Orchester und strahlte mit seiner metallischen Färbung bis in die höchsten Töne. Mika Kares, der zuletzt als König Marke in München für Aufsehen und -hören sorgte, sang einen eindrucksvollen König René mit sattem Bassfundament und nuancierter Ausgestaltung. Michael Kraus verlieh seiner Rolle als maurischer Arzt Ibn-Hakia mit charismatischer Baritonstimme und angenehmen Vibrato besonders in seiner Arie „Dva mira: plotskij i duhovnyj“ Nachdruck. Auch Igor Golovatenko als Robert und Liparit Avetisyan als Vaudémont waren hervorragend besetzt – beide mit kaftvollen, ausdrucksstarken Stimmen.

Kirill Petrenko und Liparit Avetisyan
© Ole Schwarz

Von der orchestralen Interpretation der Berliner Philharmoniker ließ man sich nur allzu gern in die Geschichte des romantisch märchenhaften Stoffs hineinziehen. Petrenkos Dirigat war überraschend gemäßigt und anfänglich recht zurückgenommen. Er ließ überwiegend zarte, geradezu zögerliche Töne erklingen, die das Feingliedrige der Partitur besonders hervorhoben. Besonders die akzentuierten Flöten und Harfen unterstrichen das märchen- und zauberhafte der Musik. Langsam, bewusst und stets die Dramatik der romantischen Oper im Blick verdichtete er allmählich den Orchesterklang bis hin zu einem überragenden und erschütternden Finale, das von der entfesselten Durchschlagskraft des Rundfunkchors Berlin zusätzlich unterstrichen wurde.

„Ich werde eine Musik schreiben, die der Welt Tränen entlockt“, erklärte Tschaikowsky bei der Komposition Jolanthes und wahrlich ist die Musik tränenschön, mit einem Finale, dass kaum schöner und aufwühlender sein könnte. Kirill Petrenko und seine Musiker*innen haben an diesem Abend mit ihrer leidenschaftlichen und mitreißenden Interpretation erneut bewiesen, dass sich auch Tschaikowskys weniger bekanntes Œuvre zu entdecken lohnt.

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