Die Geschichte ist bekannt. Ein einfaches Mädchen wird durch wahre Liebe zur Prinzessin. Doch wie einfach diese Cenerentola eigentlich sein kann, das erkennt man erst, wenn man Cecilia Bartoli in Jeans und Turnschuhen auf der Bühne sieht. Nicht im Schloss des grausamen Stiefvaters, sondern in einem schäbig wirkenden Schnellimbiss im Stile der amerikanischen Diners der 50er Jahre muss sie unzählige Male die Tische abwischen, und sich auch noch gegen die bösartigen Stiefschwestern sowie den brutalen Stiefvater wehren. Nur einen einzigen Unterstützer gibt es: Alidoro (hervorragend: Ugo Guagliardo), der mit geflügelten Schuhen und schneeweißem Haar stets mit den nötigen Zaubertricks zur Stelle ist, sodass das Schicksal seinen Lauf nehmen kann.

Dieses Lokal ist das Werk des Bühnenbildners Paolo Fantin. Mit höchster Detailgenauigkeit stellt er hier zwei Szenen dar, die alleine stehend schon ein genaues Abbild der heutigen Gesellschaft zeigen. Das prächtige Schloss des Prinzen verwandelt er in einen quirligen Szene-Nachtklub, in dem das vergnügungssüchtige Volk sich seinen Träumen und dem Alkohol hingeben kann. Regisseur Damiano Michieletto inszeniert darin eine komische Aktion nach der anderen. Als größte Unterstützung dient ihm Rossinis Musik, auf die die meisten Bewegungen der Protagonisten exakt abgestimmt sind, und damit an den Witz der Stummfilmzeit erinnern. Dies geht so weit, dass man an manchen Stellen vermuten möchte, die Musik wäre genau auf die Bewegungen komponiert.

Leider ist die Musik auch das einzige, das nicht hundertprozentig überzeugt. Trotz der großartigen Leistung von Dirigent Jean-Christophe Spinosi, der die bereits erwähnte Synthese von Musik und Bewegung erst möglich macht, geht das Ensemble Matheus manchmal in der Akkustik des Haus' für Mozart unter. Dennoch ist nicht zu überhören, dass hier höchste Prägnanz und Flexibilität seitens des Orchesters geboten wird.

Stimmlich glänzen die Sänger an diesem Abend mit einer Brillianz, die Rossinis Komposition mehr als gerecht wird. Besonders Cecilia Bartoli scheint die Rolle auf den Leib geschneidert. Die schnellen und wortreichen Passagen sang sie mit einer solchen Genauigkeit, dass auch die obersten Ränge jede einzelne Phrase exakt verstehen konnten. Mit voller Leidenschaft überzeugte sie außerdem im piano, ohne dabei an Kraft und Ausdruck zu verlieren. Wenn Bartoli auf der Bühne steht, entkommt keiner der Energie, mit der sie das Publikum ganz in ihren Bann zieht. Eine weitere Glanzleistung vollbrachte auch Javier Camarena (Don Ramiro), der mit großer Sicherheit in den hohen Tönen und mit langem Atem für Szenenapplaus sorgte. An seiner Seite als Dandini bewies Nicola Alaimo neben technischer Genauigkeit besonders sein schauspielerisches Talent, das er in den komischen Szenen immer mit einer authentischen Gelassenheit einsetzte und damit einige Lacher beim Publikum hervorrief. Ebenfalls großartig gab Enzo Capuano den Don Magnifico. In den Ballszenen mimte er perfekt den bösen, betrunkenen Stiefvater, und spielte mit lallender und teils schroffer Aussprache mit den Worten, ohne dabei sein gesangliches Können in den Hintergrund zu stellen. Als böse Schwestern begeisterten Lynette Tapia und Hillary Summers nicht zuletzt durch ihren Größenunterschied und ebenfalls durch ein perfektes Zusammenspiel von Stimme und Schauspiel. 

Auch wenn die Inszenierung in ihrer Aussage keinen tieferen Sinn bezweckt, so schafft sie besonders eines, was bei den von Operngrößen verwöhnten Salzburgern nicht unbedingt gängig ist: Frenetischen Schlussapplaus. Mehrere Male nahm Cecilia Bratoli ihre Kollegen an der Hand, um sich noch einmal tief vor ihrem Publikum zu verbeugen. Für einen ganz besonderen Moment sorgte dann noch einmal Jean-Christophe Spinosi. Anlässlich des Geburtstags Cecilia Bartolis ließ er sein Orchester „Happy Birthday“ anspielen, und das ganze Opernhaus stimmte mit ein. Hier zeigt sich eine wahre Liebe, wie sie Rossini in La Cenerentola nicht besser ausdrücken konnte - die Liebe zwischen den Salzburgern und ihrer Cecilia.

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