„[…] da der Tod, genau zu nehmen, der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sonders recht viel beruhigendes und tröstendes! und ich danke meinem Gott, daß er mir das Glück gegönnt hat mir die Gelegenheit […] zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseeligkeit kennen zu lernen.“ Mit Mozarts Worten bereits viereinhalb Jahre vor seinem Tod wird noch erklärlicher, warum ihn seine letzten Monate – von Krankheit gezeichnet, aber erst am 20. November 1791 zu Bett gestreckt – nicht davon abhielten, mit Arbeitsdrang und Freude allerhand neue, beeindruckende Kompositionen zu kreieren. Tönt der Dauerbrenner, sein autographisch unvollständiges Requiem – ausgerechnet sein letztes Werk – im Trauermonat November in nahezu jeder Stadt und jedem Konzerthaus, stellte Thomas Hengelbrock ihm auf seiner aktuellen Tournee mit seinen Balthasar-Neumann-Ensembles zurecht die bisher eigentlich unbekannte Missa Superba Johann Caspar Kerlls zur Seite, die sie vor siebzehn Jahren erstmals einspielten: ein freudvolles, ebenfalls tiefgründig schönes Stück von einem Komponisten, dem sich Mozarts eigene großen Vorbilder, Bach und Händel, bedient haben.

Thomas Hengelbrock und Balthasar-Neumann-Ensembles © Pascal Amos Rest
Thomas Hengelbrock und Balthasar-Neumann-Ensembles
© Pascal Amos Rest

Wie sehr die Stücke in der Interpretation nicht nur durch ihre Kraft, Frische und schwungvolle Feierlichkeit, ihren Trost, schlussendlichen Positivismus und ihre Stilistik zusammenhängen sollten, zeigten sie allein schon äußerlich anhand des Konzertablaufs. Keine Pause, eine Stimmtonhöhe sowie große Streicher- und Chor-Besetzung samt vier verstärkenden Posaunen selbst für die frühbarocke Messe Kerlls, dazu diesmal einheitlich in deutscher Textaussprache. Dass diese durch zweiundvierzig Choristen und sechsundzwanzig Streicher allerdings abseits historischer Wege nicht überfrachtet und zu wuchtig geriet, lag an der wieder einmal zuverlässigst bedachten Einstudierung Detlef Bratschkes, Hengelbrocks Vertrautheit und den erprobten Stimmen voll von dynamischer Balancierung und Klarheit für einen dennoch epochen-informierten Klang. Vielmehr optimierte diese Wahl die Kennzeichen beider Werke, die von soli-ripieni-tutti-Elementen leben, wie bereits der achtstimmige, antiphone und schnelle Beginn der Missa Superba deutlich machte. Immer offensichtlicher traten die ausdifferenzierten Wechsel von zarter einfacher, doppelter Solistik und bekräftigender Antwort des Balthasar-Neumann-Chores im wallenden Gloria zutage, gesteigert vom Messmittelpunkt des Credo, der in einem „Et resurrexit“-Höhepunkt mündete.

Dafür stiegen die Stimmen bis zur stärksten Dynamikspitze aller Kerll'schen Sequenzsätze aus dem kleinen feinen Bass-Konzert von Stefan Geyer und Reinhard Mayr in Orgelbegleitung sowie dem „Crucifixus“ à 5 empor. Für den stets spritzigen, runden und gewichtigen Impetus, der sowohl in längerer Geschmeidigkeit von beflügelndem Legato als auch alle Aufmerksamkeit abverlangender knackiger Kernigkeit lag, sorgte darin das Gerüst von brummig-festlicher Continuo- und Sackbut-Gruppe. Selbstverständlich schlugen die Kontraste auf die ohne Vibrato spielenden Violinen durch, an denen in der solistischen Funktion Konzertmeisterin Chouchane Siranossian und Stimmführerin Verena Sommer beglückend erlesen agierten. Kein Wunder also, dass einem nach dem schmankerlnden Sanctus und ihrem freudig-gelassenen Benedictus für Geyer und die wunderbar reinen, direkt Ansprache findenden Alice Borciani und Anne Bierwirth das Agnus Dei wie ein solches vorkam. In fast staunendem Vortrag, weiteratmendem Fluss und der im Kleinen wie im Großen artikulierten Eindrücklichkeit spülten sie einen in die himmlische Erlösung hinein, an die Mozart glaubte und uns für seine Totenfeier wappnete.

Denn das war nötig für das merklich theatralisch aufbereitete Mozart-Süßmayr-Requiem, auf das Hengelbrock gleich zu Anfang mit den schmerzlich-weichen Bassetthörner konterkarierenden markanten Bass-Tupfern, Pauken und Obligat-Posaunen deutete. Es bereitete in nichtwahrhabenwollender Vehemenz – nun natürlich in noch heftigerem Kontrast von Dynamik und Solo-Ripieno-Effekt – die Einleitung zur flotten, kämpferischen Kyrie-Fuge, nach der die schneidenden, mit härtestem, marterndem Pauken-Zorn angestürmten Truppen des Satans Stellung bezogen zum Jüngsten Gericht. Umso verständlicher damit, dass erst mit geballten, berstenden Sforzandi, dann auf die ruhige Art der „salva me“-Beistand im Rex tremendae ersehnt wurde. Hatten Mayr im Tuba mirum schon mit seinem tiefen, gehemmten Bass minimale Intonationsschwierigkeiten, die deutlich unsicherer in höherer Tessitura beim Benedictus erneut auftraten, und Marion Eckstein und Jan Petryka mit etwas lyrisch überschießender Verve stilistisch unpassendere Einsätze, wussten sie sich im Recordare besser einzubetten. Mit filigraner Zuverlässigkeit, teils knabensopranähnlicher Süßlichkeit verstand es Katja Stuber, die Stimme des Guten zu erheben, den die Soprangemeinschaft zärtlich und bildhaft eingeschüchtert den streng-aufgewühlten Tenören und Bässen im Confutatis entgegenhielt. Diese auseinanderfallenden Parts sollte Hengelbrock im trauereinenden Lacrimosa schließlich besonders betonen, wobei einem das stockende Schluchzen mit kurzem Silbenende energisch und zugleich bedrohlich leicht vorkam.

Ein weiteres Mal starteten Chor und Balthasar-Neumann-Ensemble im Domine Jesu mit gewetzter, bissiger und betroffener Lebendig- und Leibhaftigkeit vergebliche Schreckensangriffe, ehe zum bullig-strahlenden Sanctus die Pforte zum Trost aufgestoßen wurde. Mit siegreich überzeugenderer Intensität als der Todesschauer zuvor, sprich monströsen Pauken, Collegno-Bässen, schäumenden Streicherakzenten und festlichem Colla-parte-Blech, riefen die Stimmen jeweils abgesetzt um den dreimaligen Agnus-Dei-Einlass in das erlösende Himmelreich an, von deren Aufnahme der letzte Geisteszug im artikulatorisch abgemilderten Lux aeterna und Cum sanctis tuis kündete. So wurde in der Wiederholung dramatisch stimmig und nachfühlbar aus der Erschütterung eine hoffende Glückseligkeit getreu Mozarts beeindruckenden Worten.

****1