Der Odeonsplatz ist nur halb besetzt; zwei Klappstühle Abstand gilt es zum Nachbarn einzuhalten, wenn dieser nicht aus dem gleichen Haushalt kommt. Münchens Premium-Open-Air-Event fühlt sich anders an nach einem Jahr Pause – aber nicht ungewohnt! Trotzdem ist es für die zwei großen Münchner Orchester, Philharmoniker und BR-Symphoniker, nach eineinhalb Corona-Saisons auch ein Stück Normalität, und 2000 Zuschauer in jeweils zwei Konzerten am Freitag und Samstag sind mehr als aktuell in der Philharmonie im Gasteig erlaubt.

Yuja Wang
© Marcus Schlaf

Den Auftakt machten die Münchner Philharmoniker mit der chinesischen Pianistin Yuja Wang, die erwartungsgemäß mit Rachmaninows Zweitem Klavierkonzert ein Virtuosenstück auf das Programm nahm. Weniger erwartbar war hingegen, wie sie die Partitur behandelte. Da ist zum Beispiel der Detailreichtum, mit dem sie bereits die einleitenden Akkorde des Kopfsatzes formte und der ihre gesamte Interpretation durchzog. Natürlich gehören bei Wang auch die machtvoll aus der Klaviatur gefeuerten Akkordläufe dazu. In Kombination mit dieser kultivierten Phrasierung gewinnt Wangs Spiel jedoch ungemein an Tiefe. Lorenzo Viotti, der für den aufgrund der Coronabestimmungen verhinderten Chefdirigenten Valery Gergiev eingesprungen war, ließ die Philharmoniker satt spielen, bisweilen gang Wang leider im Orchesterklang unter.

Lorenzo Viotti
© Marcus Schlaf

Auch im Anschluss musizierten die Philharmoniker klangkräftig. Es schien fast so, als wolle Viotti selbst Schlager wie Chabriers España oder Ravels Bolero für den Odeonsplatz neu entdecken. Und es gelang ihm auch – mit bisweilen einfachen Mitteln. Bei Chabrier waren es geschickte Rubati und ein geschmackvolles Glissando der Posaune, im Bolero entwickelte er mit unverschämt luxuriösen Soli einen musikalischen Sog, dem man sich kaum entziehen konnte. Zuvor inszenierte er Rimsky-Korsakows Capriccio espagnol als Spektakel im Überfluss orchestraler Farben.

Sol Gabetta
© Marcus Schlaf

Etwas Ähnliches gelang Daniel Harding und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am zweiten Festivaltag vor allem mit der Suite zu Strawinskys Ballett Der Feuervogel und zu einem gewissen Teil auch in La Mer von Debussy. Der Ansatz des Briten war allerdings kollektiver. Damit wirkte das dichte Klanggewebe der Meeresdarstellungen von Debussy sehr kompakt und konzentriert musiziert, büßte aber etwas an Brillanz ein. Harding ging es in erster Linie nicht um Effekt, sondern um die organische Verbindung der musikalischen Linien.

Daniel Harding
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Auch Sol Gabetta ist keine Muskerin für die bloße Zuschaustellung von Können. Das zeigt sich allein schon bei ihrer Auswahl des Konzerts: Schumanns Cellokonzert. Das Werk kann man keinesfalls als Virtuosenstück beschreiben, womit es es sich Gabetta ungleich schwerer macht als Wang am Vortag. Aber, die Argentinierin weiß, wie sie das Werk angehen muss, um das Publikum zu fesseln. Sie glättete nichts, spielte teils mit aufgerautem Ansatz und versank mit geschlossenen Augen in den weitschweifenden Linien. Die Lyrik des zweiten Satzes sang sie melancholisch, aber dezent aus. Harding und die BR-Symphoniker begleiteten Gabetta aufmerksam und weniger wuchtig als die Philharmoniker Wang am Tag zuvor.

Beide Orchester gaben schließlich noch Strauss zu. Harding wählt den Künstlerleben-Walzer des jüngeren Johann, Viotti die Polka Ohne Sorgen! vom jüngeren Bruder Josef. Dabei wirkte die wohl überlegte Architektur des Walzers als Gegenpol zur Schampuslaune der Polka wie ein Brennglas für beide Abende.

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