Neben der Schöpfung sowie den theologischen Zwecken und Vorzügen der Musik erkannte Martin Luther in der Tonsetzung zwei Anreize menschlicher Gefühle: das Fröhlich-Machen der Seele und Wecken von unschuldiger Freude. Und wo sonst als bei Johann Sebastian Bach sollte das alles in dieser tiefgründig-verquickenden Weise seine meisterliche Entsprechung gefunden haben? So zählen Bachs Lutherkantaten auf Chrorallieder des Reformators auch unbestritten zu den „Greatest Hits“, dem diesjährigen Motto beim Kölner Fest für Alte Musik, von denen nun vier am Stück präsentiert wurden.

Musica Fiata, Capella Ducale, Richard Wilson und Gesangssolisten © Michael Rathmann
Musica Fiata, Capella Ducale, Richard Wilson und Gesangssolisten
© Michael Rathmann

Trat diese Lust beim genau dieses Kantaten-Quartetts aus BWV2, 7, 38 und 62 der Musica Fiata auf CD zu Tage, wollte der Funke in Kopf und Herz im neuerlichen Liveerlebnis nicht vollends überspringen. Seltsamerweise wirkte die instrumentale Seite trotz der jahrelangen Kenntnis der Werke etwas fahrig und hölzern, sodass die emotionale Inspirierung und Ansprache sowie Differenzierung zu kurz kam. Dabei hatten die Kantaten für Detailliebhaber – die bei Bach besonders auf ihre Kosten kommen – neben einem Überblick durch das Kirchenjahr musikalisch unterschiedlichste Durchführungen und Anlagen zu bieten. Die Einschränkung mag aber natürlich auch dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass dem Ensemble teilweise höchst kurzfristig nicht vergönnt war, auf Dreiviertel der Stimmsolisten zurückgreifen zu können.

Dem Rechnung tragend verdient das Einspringen und Abwenden des Konzertausfalls höchstes Lob, was auch mehrheitlich dem überdeutlichen Prononcieren des Textes gemacht werden kann, selbst wenn vom Inhalt des Eingangs Ach Gott, vom Himmel sieh darein nicht viel verständlich war. Es erwiesen sich nämlich die eindringlichen und festlichen Posaunen nicht als Choralverstärker, sondern als Stimmenübertöner – entweder die schwierige Seite der vokalsolistischen Besetzungspraxis oder ein offensichtliches Problem der generellen dynamischen und ensembletechnischen Balance.

Vor allem Tenor Tobias Hunger und Bass Wolf Matthias Friedrich schienen davon aufgefordert, sich in ihren Soli gegen die Begleitung behaupten zu wollen, mehr noch, die Worte mit theatralischem Impetus zu versehen. Wirkte das in tenoralem Rezitativ- und Arieneinsatz mitunter etwas übertrieben und dem inneren Affekt nicht zugänglicher, verstand sich die Bassphrasierung ausgewogener. Einige technische Hakler, sowohl auf Seiten David Erlers als auch der Soloviolinistin Anette Sichelschmidts, trübten leider zwischendurch die trotzige Altarie.

Fand die tänzerische, feierlich-ausgelassene Grundierung des 6/4-Taktes von Nun komm, der Heiden Heiland in rhythmischer Zelebrierung und Artikulation der choralumspielenden Concerti keine trennscharfe und beschwingte Entsprechung (außerdem fehlte das Corno des sopranistischen Cantus firmus), war der Text ohne das Blech deutlicher vernehmbar. Im fließenden Siciliano traten anschließend sogar erste orchestrale Dynamik- und Phrasierungseffekte zu Tage, von denen ich mir durchgängig viel mehr gewünscht hätte.

Wurde diese Abwechslung instrumental vermisst, brachte Friedrich den Elan balanciert und lebendig zum Ausdruck, als er der Gemeinde passend kräftig und trotz des schneidigen Festaufrufes das mit den heroischen Läufen garnierte „Streite, siege, starker Held!“ runder, den technischen Anforderungen gewachsen und routiniert um die Ohren warf. Die abendliche Aufnahmegesellschaft, eingeladen, die Schlusschoräle mitzusingen, ließ dieses Mini-Weihnachtsoratorium schließlich versöhnlich, angesprochener und präsenter enden.

Julia Kirchner, David Erler, Tobias Hunger und Wolf Matthias Friedrich © Michael Rathmann
Julia Kirchner, David Erler, Tobias Hunger und Wolf Matthias Friedrich
© Michael Rathmann
Obgleich Erlers Alt anstelle seiner etwas kindlichen Trockenheit lieber von beseelterer Expressivität hätte sprühen können, blitzten in Christ unser Herr zum Jordan kam weitere Lichtblicke auf, die zeigten, was möglich gewesen wäre. So wandelte sich das Continuo plötzlich in der Taufeeinladung des Basses zum Übersetzer des figuralen Schwunges, den Friedrich im gefundenen Schlüssel aus Drama und Menschlichkeit mutig und überzeugend, standfest und mit sanften Zügen verbreitete. Auch Hunger hatte im Rezitativ eine austariertere Mischung finden können und löste die hohen Anforderungen seiner Arie – das Einspringen im Hinterkopf – weit überwiegend zutrefflich, wobei Violinistin Anne Schumann im abermals wunderbar danzablen Concerto-Dialog zweier Geigen und Continuo die immanente Akzentuierung merklich eleganter und beweglicher ausgestaltete.

In der Kantate Aus tiefer Not schrei ich zu dir nach älterer Form fühlte sich das Ensemble, unter Berücksichtigung seiner Spezialisierung auf die teils vorbarocke Erkundung der Musik, mehr zu Hause, sodass der Choral in seinem Ernst mit Bitte um Erhöhrung in spannungsvolleren Phrasierungs- und Dynamikschwellern an Tiefe und Leben gewann. Darin fühlte sich Erler ebenfalls sichtlich gut aufgehoben und wusste sich überraschenderweise am durchhörbarsten mit Harmoniefreude einzusetzen.

Vermittelten die Oboen in der Reprise der Tenorarie zusehends besser den aus dem Leiden erwachsenen Trost, konnte Julia Kirchner mit ihrem wohldosierten Auftritt überzeugen, auch wenn sich das auffallende, schnellere Vibrato ihres Soprans stark von den Timbres der übrigen Solisten unterschied. Umgab das folgende Terzett mit zu lauter Begleitung einen Anflug von innerer Hektik, vermochten Kirchner, Erler und Friedrich es dennoch mit löslich-hoffender Verve auszufüllen.

Mit den letzten Worten von Luthers Choral der Gnade Gottes in jeder Sünde intonierte man zugleich eine Überzeugung, die dieses Konzert zusammenfasst. Schaut man auf die besonderen und tagesformabhängigen Umstände, erlebte ich ein nachträgliches Geburtstagsfest zu Ehren Bachs, der auf seine Art irgendwie immer zu gefallen weiß.