Spätestens seit ihrem letzten Plattendokument Anne Boleyn's Songbook geht mir Alamire nicht mehr so richtig aus dem Kopf. Im Wissen um die Rarität der in Deutschland zu erhaschenden Auftritte dieses von David Skinner zusammengestellten und geleiteten Ensembles konnte ich nur zaghaft ein baldmögliches Live-Konzert erhoffen. Mir und den vielen anderen Interessierten bot nun das Kölner Fest für Alte Musik die Gelegenheit, die A-cappella-Crew im Rahmen des Abschlusskonzerts zu bestaunen.

Alamire und David Skinner © Michael Rathmann
Alamire und David Skinner
© Michael Rathmann

Im Mittelpunkt der künstlerischen Betrachtung stand das aus dem Hundertjährigen Krieg stammende Kampflied L'homme armé, ein mottogetreuer „Hit“, der von vielen Komponisten der Zeit als Cantus firmus vertont und nun in der essayistischen Politik-Gegenwart und der Auseinandersetzung der belebten Musikgeschichte genreübergreifend näher beleuchtet wurde. Die Aufmerksamkeit teilten sich die Sängerinnen und Sänger dabei kurz mit der Schriftstellerin Jutta Heinrich, die mit einem Text die Vertonungen von Josquin Desprez und Giovanni Pierluigi da Palestrina umkleidete.

Mit dem multiperspektivischen Titel Einschlag der Stille schickte Heinrich in der Markanz einer feministischen Literaturstimme einen gesellschaftspolitischen Weckruf aus, dem heutigen „bewaffneten Mann“ nicht sprachlos und erschüttert gegenüber zu stehen. Sie tat dies in einer Erzählung einer Prostituierten, die in endlichster Ausgeliefertheit in der Blutlache ihres Schädels auf der Straße lag, Reeperbahn-Kolleginnen um sie herum und die Schar der Männer, die im feigen Ausmaß des Zu-spät mit der Offensichtlichkeit konfrontiert wurden. In der Eindrücklichkeit dieser Kurzgeschichte gelang der Verfasserin ein kämpferisches, gedankenprozessuales, umgreifendes Statement in vielfachem Umgang und Deutung von Schuld, Gewissen und Verantwortung, und das so sehr, dass mir mit der wie auch immer gearteten Gewalt gegen Frauen selbst Anne Boleyns Schicksal wieder in Erinnerung kam, das leider die verachtende Beständigkeit des Themas hervorrief.

Den großen musikalischen Rahmen des Abends bildeten die Solisten Alamires mit beeindruckender Intensität und Harmonie, von Anfang bis Ende, ob punktgenau in jeglichen Einsätzen der zu zweit besetzten Stimmgruppen oder den dynamisch-deklamatorisch spannenden Belichtungen des Tuttis. Nach der Vorstellung des thematischen Chansons durch die zuverlässigst sonoren, ensemblegetrimmten Bässe William Gaunt und Greg Skidmore füllten alle vibratofreien Stimmen mit Josquins Missa L'homme armé (sexti toni) die Trinitatiskirche, strikt in der Linie der Hochrenaissance, angereichert durch betonte An- und Abschweller, jede Lage in ihrer Wortführerschaft herausgestellt. Mussten sich darin zu Anfang die Tenöre noch ein wenig einfinden, löste sich dieses minimalste Anzeichen von Menschlichkeit im satten Himmelsklang der Perfektion auf, der im Gloria mit einem energischen Amen mündete. Machten noch mehr Phrasierungswellen und Akzentuierungen der aufsteigenden Linien von sich hören, vernahm man im weicheren, wärmeren Qui tollis der Sequenz auch die detaillierten, farbigen Nuancen, mit der Skinner die Musik lebendig gestaltete.

Sopranistinnen Kirsty Hopkins und Camilla Harris eröffneten schneidig und blendend-strahlend mit den Sanctus-Rufen das solistisch skelettierte Kontrastwerk der Messe, in deren Abwechslung aus Einfachheit und schnellerem Figuralintermezzo sich die Stimmen vorstellten. Nach der Dreistimmigkeit mit Tenören und Bässen bewiesen auch die unterschiedlichen Zusammensetzungen der zweistimmigen Verse die vorzügliche Stimmbehandlung, sei es das Mediterranere in Martha McLorinans Alt oder Nicholas Todds hohem Tenor, Helen Charlstons tiefe Stabilität und Puristik oder Guy Cuttings Milde. Schließlich fächerten die chorischen Gruppen das Agnus Dei in reiner, ehrwürdiger Pracht auf, das in seiner zweiten Wiederholung mit dem frommen, kontemplativen Dona nobis pacem einen genauso aussagekräftigen Höhepunkt fand wie die expressiven Kontrapunktspitzen, die aus der angepassten Vierstimmigkeit wellenförmig aufgebaut wurden.

Mit dem späteren Renaissancestil Palestrinas, freier und gefälliger, geriet dessen Messvertonung generell beschwingter. Ihre Anlage arbeitete Alamire mit kompakterer Mischklang-Balance und noch weicherer Timbrierung heraus, was besonders bei den Sopranen auffiel. Im Verbund wurden natürlich weiter Dynamik- und Phrasierungsakzente gesetzt; die Eindringlichkeit der Worte erhielt dadurch mit dem aufgehenden Bogen eine kompositorische Kombination, die das Ensemble bereits im Cum sancto spiritu mustergültig durchscheinen ließ. Wandelte die mit zwei Tenören grundierte Fünfstimmigkeit, durch die auch Simon Berridge und Ruairi Bowen mehr Präsenz zeigten, im historisch strengeren Sanctus und Benedictus durch Chorvariationen in Vehemenz und Blumigkeit, kosteten die Sänger das Agnus Dei in seinem eleganten, himmlischen Schönklang aus, in dem man sich verlieren konnte.

Die die Messen umspielenden Marienhymnen komplettierten die durchdachte Programmierung, indem sie dem L'homme armé die Stärke und den Lobpreis der Frau der Frauen gegenüberstellten. So entwickelte Alamire Spannung und Kraft in Josquins Ave Maria, das kontrastvoll mit einem geraden, ergeben-minuierten Amen endete, und entfaltete zuneigende Innigkeit in dessen durch absetzende Tempoempfindung und Betonung charakterisiertem Inviolata integra et casta es Maria. Am meisten beglückte mich das sowohl fünfstrophige als auch fünfstimmige Stabat mater, in dem das Ensemble mit den langen Haltetönen einen beruhigend-geborgenen, im dynamisch-phrasierten Vortrag anregend-aufschäumenden Stimmungsmix versprühte. Mit dem Sicut lilium inter spinas wurde nicht nur dem Tenor weiter Platz gemacht, sondern Palestrinas noch künstlerischere Verpackung verstärkt, die in der Intensität durch ein doppelchöriges Salve Regina ihren expressiv-harmonischen Abschluss fand.

Auch mit diesem Kölner Auftritt wird mir Alamire also noch lange im Gedächtnis bleiben.