Die Hochzeitsreise des 275-jährigen Orchesters aus Leipzig mit seinem „Gatten“ Andris Nelsons aus Riga führte auch über Amsterdam. Ob es an der vertraglich zugesicherten Orchesteraufstellung des Leipziger Gewandhausorchesters lag oder am Honeymoongefühl zwischen dem ältesten bürgerlichen Orchester der Welt und seinem frisch gebackenen Kapellmeister, die Interpretation von Tschaikowskys Sechster Symphonie auf der Bühne des Amsterdamer Concertgebouw war atemberaubend, beglückend und charismatisch zugleich.

Andris Nelsond © Marco Borggreve
Andris Nelsond
© Marco Borggreve

War Tschaikowskys Sechste Symphonie ein Traum, dann war Mozarts Symphonie Nr. 40 vor der Pause eher Routine. Die Musiker musizierten anfänglich noch wenig spektakulär und ohne Elan und bis zum Ende des zweiten Satzes gab es trotz aller gestischer Bemühungen vom Dirigentenpult wenig durchgesungene Melodielinien oder überraschende Registerwechsel. Man fühlte sich im Niemandsland zwischen Klassik und Romantik. Erst im Menuetto konzentrierte sich das Orchester auf seinen Klang und musizierte schwungvoller und bei der ersten Wiederholung im Trio, die etwas verhetzt begann, überraschte das sächsische Qualitätsensemble zum ersten Mal im Pianissimo, zu dessen Einsatz Nelsons ganz klein in die Hocke ging. Auch das Allegro assai gelang nun sehr spritzig vor allem in den Fugatoeinsätzen.

Zur feierlichen Amtseinführung von Nelsons und zu seinem eigenen runden Geburtstag hatte das Orchester Kompositionen bei Steffen Schleiermacher, Jörg Widmann und Thomas Larcher in Auftrag gegeben. Chiasma des 1963 in Österreich geborenen Larcher war im März 2018 in Leipzig aus der Taufe gehoben worden und hiermit wurde das Programm eröffnet. Es begann mit einzelnen Tönen von Klavier und Akkordeon. Die Trompete spielte mehrmals eine kleine Terz aufwärts, das Solohorn antwortete mit einer wiederholten Oktave. Alles klang sehr offen, die kurzen Melodiefragmente waren oft nicht mehr als Wiederholungen von Intervallen, die sich durch ihre raffinierte Orchestrierung zu geheimnisvollen Klängen verdichteten. Larcher beschreibt seine an sich gestellte Herausforderung für die zehnminütige Mikrosymphonie als: „ein Stück zu entwickeln, in dem die ganze Welt enthalten ist, zumindest EINE ganze Welt in ihrer Disparatheit, mit ihren mörderischen Amplituden, mit ihrer Zartheit und Schönheit, ihrer Grausamkeit und Sinnlosigkeit.” Dazu war das Orchester groß besetzt und die drei Schlagzeuger hatten groß ausgepackt und alles aus dem Keller geholt, was exotisch und exzentrisch klingt. Während der Aufführung fiel einem Posaunisten der Dämpfer aus der Hand und man war sich einen kurzen Augenblick nicht sicher, ob dies absichtlich war oder nicht. In Chiasma spielte das Orchester voll aus, erreichte mitunter die Schmerzgrenze und es endete wie es begann mit sanften Tönen des orchesteruntypischen Akkordeons. Diese Komposition lud zum Nachdenken ein und stellte Fragen wie, wohin wird sich Orchestermusik als Teil einer musealen Geschichtstradition entwickeln? Was wird die Bestimmung unserer Orchester in der Zukunft sein und wer wird dann deren Publikum?

Tschaikowskys Symphonie Nr. 6 begann mit dem sprichwörtlich warmen Klang der Leipziger Bässe und Bratschen. Nelsons erzählte mit dem Gewandhausorchester eine Geschichte von Sehnsucht, Sinnlichkeit und Schmerz. Die Holzbläser klangen wie ausgewechselt, vor allem das im sanften Piano geblasene Klarinettensolo im Adagio ging unter die Haut. Mit Wucht und ungebremster Energie stürzte sich das Orchester dann attacca ins Allegro non troppo. Das Glanzthema der Celli eröffnete das Allegro con grazia, welches Nelsons mit beschwörenden Händen und ohne Taktstock dirigierte. Auch die Horngruppe begeisterte mit einem ganz eigenen runden schmeichelnden Klang.  

Das Allegro molto vivace sprühte vor jugendlichem Feuer, Spielfreude und ein die Sinne schmeichelndem Sound. Die Musiker zauberten Gute-Laune-Musik, die ansteckend wirkte und dem Gewandhausmotto, Seneca’s Verum gaudium res severa est (Wahre Freude ist eine ernste Sache) alle Ehre machte. Der Pauker tanzte, die ersten Violinen saßen auf ihren Stuhlkanten, taten es dem äußerst beweglichen Konzertmeister nach und natürlich klatschte der Saal nach einem mit so viel Verve gespielten Scherzo.

Das finale Adagio lamentoso war voller Abschiedsschmerz und letztem Aufbäumen und man wollte aus diesem musikalischen Traum gar nicht erwachen. Das machte sich Nelsons am Ende zu Nutze, indem er die Spannung lange nach dem letzten Akkord mit erhobenen Taktstock noch hielt und so die lange angespannte schier tastbare Stille im Saal zum krönenden Abschluss dieses Konzerterlebnisses werden ließ.

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