Vor knapp vier Jahren feierte die Neuproduktion von Le nozze di Figaro in der Regie von Maximilian von Meyenburg an der Grazer Oper ihre Premiere. In der ersten Wiederaufnahme bestätigt sich nun der Eindruck, den die Inszenierung damals hinterließ: das penetrant sozialkritische Element (inklusive Bürgeraufstand und Guillotine für den Adel à la Französische Revolution) passt nach wie vor weder zu Mozarts Musik noch zum Ort der Handlung und das zur Seiten- und Hinterbühne offene Bühnenbild in Barbie-Schloss-Optik ist akustisch immer noch höchst problematisch, da es dazu führt, dass die Stimmen an einigen Ecken des Schlosses völlig geschluckt werden. Allerdings ist die Personenregie in der szenischen Einstudierung von Florian Kutej nun merklich lebendiger und sympathischer geworden, die Figuren wirken plastischer und das Slapstick-Element wurde reduziert.

Wilfried Zelinka (Bartolo) und Mareike Jankowski (Marcellina)
© Werner Kmetitsch

Als Figaro begeisterte Neven Crnić, dessen Interpretation nichts weniger als beeindruckend war, denn seine Stimme strömte mit stets hundertprozentiger Kontrolle von Klangfarben und Dynamik sowie scheinbarer Mühelosigkeit durch die Partie. Dass ein noch nicht einmal dreißigjähriger Bassbariton bereits – im besten Sinne! – so gereift, rund und voll klingen kann, fasziniert an diesem Abend ebenso wie die vielschichtige Gestaltung, mit der er der Rolle Ecken und Kanten verleiht. Wie bereits in der Premierenserie steht in der Wiederaufnahme Tetiana Miyus als Susanna auf der Bühne und auch ihre Interpretation hat nochmals an Tiefgang und vokalen Facetten gewonnen; so mischen sich zur strahlenden Höhe, der eleganten Phrasierung und den hellen Farben ihres Soprans nun auch spannende neue, dunkler schimmernde Aspekte dazu. In der Rolle der Contessa Almaviva versprühte Sonja Šarić stimmlich und darstellerisch melancholische Eleganz und trauerte in ihren Arien herzerweichend den vergangenen Zeiten ihres Glücks nach. Ihr Sopran schimmerte dabei ebenso dunkelrot wie der Stoff ihres Kleides und während des „Dove sono“ schien für einige Minuten die Zeit im Saal durch die pure Schönheit ihre Interpretation angehalten zu werden. Den treulosen Grafen brachte Dariusz Perczak darstellerisch zwar herrlich arrogant auf die Bühne, sein Bariton klang an diesem Abend jedoch etwas gedämpft, fast schon distanziert und die an und für sich warme und üppige Stimme schien nie so recht zur Höchstform auflaufen zu können.

Tetiana Miyus (Susanna) und Neven Crnić (Figaro)
© Werner Kmetitsch

Rund um die zwei zentralen Paare der Geschichte war eine nicht minder spielfreudige Schar versammelt, so lieferte Wilfried Zelinka einen ebenso neurotischen wie dunkel timbrierten Bartolo ab und als exaltierte Marcellina durfte Mareike Jankowski nicht nur ihren samtigen Mezzo erstrahlen lassen, sondern auch die stylischsten Kostüme des Abends tragen. Leider noch etwas zu früh in der stimmlichen Entwicklung kam hingegen ganz offensichtlich der Cherubino für Antonia Cosmina Stancu: mit vollem Einsatz, aber nicht immer auf der Gesangslinie oder der richtigen Tonhöhe verbleibend, kämpfte sie wohl auch gegen die Premieren-Nerven.

Tetiana Miyus (Susanna) und Sonja Šarić (Gräfin Almaviva)
© Werner Kmetitsch

Mario Lerchenberger als hell timbrierter, Nonchalance verströmender Basilio, der tollpatschige Antonio von David McShane und Paulina Tuzińska als mädchenhaft verspielte Barbarina rundeten den Abend ab, ebenso wie der gewohnt homogen und schönstimmig erklingende Chor. Eines zeigte diese Vorstellung übrigens ganz deutlich: Die kontinuierliche Nachwuchsarbeit mit jungen Sängern im Opernstudio in den letzten Jahren trägt nun reiche Früchte, denn die meisten der Solisten, die an diesem Abend exzellente Leistungen ablieferten, waren (oder sind) Mitglieder dieses Programms.

Albert Memeti (Don Curzio), Mareike Jankowski, Neven Crnić, Dariusz Perczak (Graf Almaviva)
© Werner Kmetitsch

Aus dem Orchestergraben war an diesem Wiederaufnahmeabend ebenfalls viel Schönes zu hören; unter der musikalischen Leitung von Marcus Merkel schwelgten die Grazer Philharmoniker regelrecht in Mozarts Klangwelten, wobei insbesondere die melancholischen Momente mit transparenter Eleganz und bestachen und die Musik regelrecht zu schweben schien. Merkel hielt vom Pult aus nicht nur das Orchester zu balanciertem Klang an und steuerte zu den Rezitativen die Cembalo-Parts bei, er schenkte auch den Sängern auffallend viel Aufmerksamkeit – so koordinierte er die Ensembleszenen umsichtig und rettete so manche Sänger über heikle Stellen ihrer Arien hinweg. Erst im Laufe der Vorstellung stellte sich jedoch im Orchester die Spritzigkeit ein, der Ouvertüre und dem ersten Akt fehlte es noch ein wenig an Leichtfüßigkeit. Nicht immer ganz akkurat gelangen die Einsätze der Hörner, dafür glänzten die übrigen Bläser, insbesondere die Trompeten, mit warmem Klang.

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