Das Ziel, längst vergessene oder selten gespielte musikalische Stücke wiederzuentdecken und aufzuführen beschert uns nicht nur eine Vielzahl unbekannter Werke, sondern wirft auch eine Frage auf: Wann lohnt es sich, solche Werke neu zu beleben und wann sollten sie vielleicht aus gutem Grund in Ruhe gelassen bleiben? Für das Orchester Les Talens Lyrique, gegründet und geleitet von Christophe Rousset, ist dieses Ziel Hauptpriorität; so auch bei einer Konzertaufführung der wiederentdeckten Barockoper Die Aufteilung der Welt von Giovanni Legrenzi mit Libretto von Giulio Cesare Corradi in der Kölner Philharmonie. Zusammen mit einer Reihe makelloser Sänger zeigt es, dass das Alte modern, ergreifend und aufregend sein kann – und eine Menge übermütigen Spaß macht.

Christophe Rousset © Ignacio Barrios
Christophe Rousset
© Ignacio Barrios

Legrenzi (1626-1690), der als Organist und Kapellmeister an verschiedenen Kirchen tätig war, wird heute meistens für seine Kirchenmusik erinnert. Er war nicht nur Komponist sondern auch ordinierter Priester, aber Die Aufteilung der Welt zeigt, dass er sich mit der Brandbreite irdischer Gedanken auskannte, von aufreizenden Ausschweifungen bis zur tiefen Verlassenheit.

Die Oper feierte eine erfolgreiche Premiere am 4. Februar 1675 in Venedig während des Aufblühens der kommerziellen Oper. Die Handlung passte zur damaligen Karnevalzeit, wenn die Leute ihre moralischen Zügel vor der Fastenzeit losließen, aber sie könnte auch in einer heutigen romantischen Komödie vorkommen. Es gibt eine Frau, selbstbewusst in ihrem sexuellen Reiz, die den Männern die Köpfe verdreht. Eine andere Frau, die sich verschmäht fühlt und als bedürftig betrachtet wird. Ungewollte Beziehungen und untreue Partner sind überall, und alle werden von einem Vater betrachtet, der sich Sorgen um seine morallosen Kinder macht. Trotz dieser sehr menschlichen Emotionen spielt sich die Oper im Götterhimmel unter den olympischen Göttern ab.

Im Zentrum steht Venus, souverän gespielt von Sophie Junker, die im Gesang sowie im Schauspiel einfach glühte. Vom ersten Moment, als sie langsam mit ihrem Blick von Kopf bis Fuß über einen Gott schweifte, zeigte sie, dass es hier um eine Frau geht, die ihre Macht kennt und beherrscht. „Ich will mehr als nur einen Liebhaber”, sang sie zelebrierend zum derben Rhythmus der Gitarren. Jedoch meinte sie es genau so ernst, als sie später um Verzeihung bat, ihre flehentlich gesungenen „perdona” wurde vom klagenden Cello wiederholt.

Unter der Leitung von Rousset hoben die Musiker emotionale und musikalische Kontraste hervor. Es stockte nie, als sich eine wechselhafte musikalische Landschaft von hüpfenden Bässen, zierlichen Theorben und Lauten, zwirbelnden Blasinstrumenten und üppigen hohen Streichern entfaltete. Durch das Hin und Her zwischen schnellen Rezitativen und kurzen Arien wandelte sich die Stimmung ständig, aber Rousset hielt alles im festen Griff und sorgte für reibungslose Übergänge. Er war durchaus agil, sprang zwischen dem Stuhl am Cembalo zur stehenden Position, und schien mit seinen breitarmigen Gesten den vollen Ton des Orchesters auszuschöpfen.

Es gab keine Schwachstelle bei den Sängern, von denen ein Großteil in der Bühnenproduktion von der Opéra national du Rhin und der Opéra national de Lorraine mitwirkten. Alle flogen durch die Achterbahn der Koloraturstelle und ließen überraschend lange suspendierte Töne in der Luft auf- und abblühen. Die musikalische Exzellenz wurde von genauso gutem Schauspielkönnen begleitet. Besonders amüsant war das Duo von Andre Morsch als Plutone und Stuart Jackson als Nettuno. Morsch reichte nur fast bis zum Kinn Jacksons, was die beiden zum großen Gelächter des Publikums überzogen spielten.

Die Uraufführung von Die Aufteilung der Welt 1675 war teilweise aufgrund ihrer spektakulären Bühnenausstattung erfolgreich, und die heutige französische Inszenierung hatte natürlich Bühnenbild und Kostüme. Daher könnte man die Konzertaufführung quasi als Testlauf sehen, inwieweit die Oper als musikalisch-dramatisches Stück alleinstehen könnte. Die Antwort? Die Oper – Musik, Gesang, Drama – ist an sich komplett und muss nur von begabten Musikern zum vollen Glanz gebracht werden. Hier war etwas Vergessenes, dass nun nicht wieder vergessen werden soll – oder wird.

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