Ende März stand Edita Gruberová das letzte Mal als Königin Elisabeth in Donizettis Roberto Devereux auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper in München. Ihre Opernkarriere mag vielleicht vorbei sein, Liederabende gibt Gruberová aber weiterhin und kaum zwei Wochen nach ihrem Abschied von der Opernbühne kann sie immer noch nicht ganz von den großen Opernpartien lassen. Daher nimmt sich der Liedanteil im Programm auch mit lediglich fünf Strauss-Liedern ausgesprochen kurz aus. Große Szenen aus Händels Giulio Cesare und Ambroise Thomas’ Hamlet oder Koloratur-Juwelen wie Rossinis „Una voce poco fa” und Bellinis „Son all’ara” aus dominierten den Abend.

Edita Gruberová © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH
Edita Gruberová
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Und es stellte sich als kluge Strategie heraus, das Belcanto-Repertoire in den Mittelpunkt zu rücken, denn dies sind die Partien, in denen das „Phänomen" Gruberová noch immer die größte Kraft entwickelt. Wie keine Andere kann Gruberová auch in kleinen Portionen in einer Arie einen vielschichtigen Charakter zum Leben erwecken. Die Vielfalt mit der Gruberová die Koloraturen bei Rossini anging, war kein Vergleich zu dem, was ein Großteil ihrer jüngerer Kolleginnen in dieser Arie anzubieten haben. Allerdings zeigte das Rezital auch, dass Gruberová im reduzierten Rahmen eines Liederabends mit Klavierbegleitung nun wirklich an ihre stimmlichen Grenzen stieß. Tragfähig war ihre Stimme nur noch in den oberen Registern, die jedoch auf Grund der fehlenden Basis sehr abgekapselt und exponiert wirkten und sich kaum in die gesamte Phrase integrieren ließen. Besonders offenbar wurde dies in den Strauss-Liedern, in denen jede Zeile zum Kampf um Textverständlichkeit, Atemkontrolle und stabilem Piano wurde. Schließlich blieben die Lieder lediglich Stückwerk, was bei den eigentlich unendlich fließenden Liedern umso schmerzlicher zu Tage trat. Die Arien gaben ihr da mehr Möglichkeiten, die stimmlichen Probleme mit dramatischem Ausdruck auszugleichen. Exzellenter Begleiter an ihrer Seite war ihr Landsmann Peter Valentovic, der sowohl als Pianist als auch als Dirigent bereits mit Gruberová zusammengearbeitet hat. Vielleicht lag es an Valentovics Erfahrung als Orchesterleiter, dass er jeglicher Partitur von Händel bis Richard Strauss das Maximum an Farbkraft entlockte. Mit unglaublicher Leichtigkeit sprudelten die Töne in den Strauss-Liedern, herzhaft erdig ging er den Frühlingstimmen-Walzer von Johann Strauss Sohn an. Dabei hörte er immer genau auf Gruberová und war ein aufmerksamer Begleiter, der aber auch eigene Impulse setzte. In der zweiten Hälfte des Programms überließ Gruberová ihm die Bühne für Improvisationen über Themen aus Rachmaninows Zweitem Klavierkonzert und den Variationen über ein Thema von Paganini, die Valentovic eigens arrangiert hatte. Virtuos kombinierte er epische Melodien mit höllischen Akkordfolgen und ließ dabei alles ganz einfach und leicht wirken.

Den Abend beschloss Gruberová mit der Wahnsinnsarie der Ophelia aus Thomas’ Oper Hamlet. Da durften die Spitzentöne noch einmal funkeln, bevor sich das Publikum bei Gruberová mit stehenden Ovationen bedankte. Ihre anschließenden vier Zugaben, die sie ironisch als „Versuche“ ankündigte, waren Lehrstücke für jede Primadonna. „Mein Herr Marquis“ lachte sie sich leicht von der Seele, während sie in „Ach wir armen Primadonnen“ aus Carl Millöckers Der arme Jonathan charmant von der Sklaverei singt, die es bedeutet, Sopran-Superstar zu sein. Wer könnte das besser präsentieren als die letzte wirkliche Diva der Oper?

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