Als „Einen amerikanischen Traum“ annoncierte das Philharmonische Orchester Rotterdam sein Konzert mit Werken von Ligeti, Barber und Adams unter der Leitung des Dirigenten Robert Treviño. Doch obwohl Ligeti’s San Francisco Polyphony ein Auftragswerk des San Francisco Symphony aus dem Jahr 1973 war (wie übrigens auch die Harmonielehre von Adams zwölf Jahre später), war doch ein zu deutlicher Unterschied zwischen der Musik des in Rumänien geborenen und in Wien verstorbenen Ligeti und der der amerikanischen Komponisten zu hören.

Robert Treviño © Musacchio & Ianniello
Robert Treviño
© Musacchio & Ianniello

Bei Ligeti's San Francisco Polyphony werden einzelne Töne im Orchester durchgegeben. Die Musik brodelte und köchelte fast wie eine „Klangsuppe“ vor sich hin. Spannung entsteht durch ein langsames Ansteigen der Melodietöne. Aus einem orchestralen Klangchaos bleiben Holzbläser und Metallofon übrig: Sie spielen Halbtonschritte, die einander „auf die Füße treten“. Perspektivwechsel: Flageolettöne und tiefe Bässe, das Blech mischt sich ein. Dann bestimmen Piccolotöne das Klangbild bevor die Cellogruppe wieder Bodenhaftung in das Ganze bringt. Aber dann ertönen wieder zwei Piccoloflöten, die immer höher und höher hinauswollen. Das Klavier  hämmert in den tiefsten Registern und wieder melden sich die Piccoli, die einander imitieren. Auch die Konzertmeisterin wagte sich aufs Eis zusammen mit dem letzten Pult der Kontrabässe. Dann spielte die Harfe ein Viertonmotief, die hohen Streicher ackerten am Steg. Endlich kam ein Rhythmus auf der schnell vom ganzen Orchester aufgegriffen wurde. Und das war auch schon das Ende. Was extrem spannend für die Einen war, war schwere Kost für Andere. Treviño dirigierte mit sehr eckigen Armbewegungen und präzisen Einsätzen und das Orchester folgte ihm gespannt.

Die 1935/36 in Rom entstandene und auch dort am 12. Dezember 1936 uraufgeführte Erste Symphonie Samuel Barbers hält sich an traditionelle symphonische Regeln. Die musikalischen Themen sind kunstvoll voneinander abgeleitet und die vier Sätze gehen ineinander über. Im Kopfsatz werden drei Themen vorgestellt, im Scherzo machen Akzente und rhythmische Verschiebungen des Hauptthemas das Zuhören zu einer schwindelerregenden Achterbahnfahrt. Bei einigen unisono Tonwiederholungen schien die Kompositionstechnik von Adams, die minimal music, vorwegzunehmen. Das Thema des langsamen Satzes ist vom zweiten Thema des ersten Satzes abgeleitet und wurde sehr einfach und klangschön von der Oboe gespielt. Leiterfremde Töne finden immer wieder einen tonalen Ausgang. Der Oboengesang ging in ein Cellosolo über, dann kamen Bratschen und Klarinetten hinzu. Mit dem Einsatz der ersten Geigen wusste man sich auf heimischen symphonischen Boden.

Aus dem Material des ersten Themas komponierte Barber für die Passacaglia ein sehr eingängiges Chaconnethema. Der Spannungsaufbau, als am Ende des vierten Satzes das Thema von mehr als der Hälfte aller Instrumente gespielt wurde, gelang besonders. Durch die vorherigen unzähligen Wiederholungen in den tiefen Streichern konnte man das Thema nun beinahe mitsingen.

Vor zehn Jahren durfte ich John Adams als eine sehr bescheidene und offene Komponistenpersönlichkeit kennenlernen. Vor allem sein Interesse für die Musikvermittlung und sein engagiertes Auftreten vor Kindern und Schulklassen haben mich damals sehr beeindruckt. Die Harmonielehre ist eine klanggewaltige Symphonie. War Samuel Barbers Erste Symphonie im Aufbau von Sibelius' Symphonie Nr. 7 inspiriert, so war Adams Beginn seines zweiten Satzes The Amfortas Wound vom Anfang von Sibelius' Vierter Symphonie beeinflusst.

In der Interpretation von Robert Treviño und dem Philharmonischen Orchester Rotterdam fehlte im ersten Satz die Präzision in der rhythmischen Ausführung, wodurch er schwerfällig wirkte. Treviso dirigierte hier mit sehr weichen und runden Bewegungen, was auf der anderen Seite dem spätromantischen Charakter der Musik zugute kam. Auf mich wirkte der zweite Satz wie eine Reise durch Feuer und Eis mit einem Trompetensolo als Höhepunkt, welcher mit versöhnlichen Celestatönen endet. Im letzten Satz spielen drei Piccoloflöten und zwei Tuben. Der Wohlklang plätscherte dahin, aber oft fehlte die interpretatorische Richtung. Dann nahmen die Bässe wieder einen Rhythmus auf und plötzlich wirkte alles frei: ein entfesseltes Orchester spielte in voller Lautstärke und entließ das Publikum verwundert und überwältigt.

Dem Publikum wurde an diesem Abend ein sehr reichhaltiges Programm serviert, mit drei sehr unterschiedlichen Träumern. Das mag den neugierigen Neulingen unter den Konzertbesuchern gefallen – als Liebhaber der Moderne hätte ich mir persönlich mehr programmatisches Wagnis gewünscht.

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