„Wer viel fragt, kriegt viel Antwort“. So sagt es eine Redewendung, doch im Fall der Geschichte der Elsa von Brabant ist es noch schlimmer: „Nie sollst Du mich befragen!” Das trägt ihr der Titelheld in Richard Wagners Libretto zu Lohengrin auf, der sie in einem Gottesurteil erfolgreich gegen den Vorwurf, ihren jüngeren Bruder und brabantischen Thronfolger Gottfried getötet zu haben, verteidigt und in den sie sich verliebt hatte. Welche Prägung, welche Zwänge trägt dieser Lohengrin mit sich herum, und kann eine Beziehung ohne Fragen, ein „Verstandensein nur durch Liebe“, wirklich gutgehen? Dass gar nicht zu fragen auch keine Lösung ist, zeigt immerhin die Geschichte von Wagners Parsifal.

Emily Newton (Elsa von Brabant) und Eric Laporte (Lohengrin) © Bettina Stöß
Emily Newton (Elsa von Brabant) und Eric Laporte (Lohengrin)
© Bettina Stöß

Richard Wagner zog bei der Vertonung der Schwanenrittersage einen ganzen Komplex von Quellen heran: wie Märchenmotive eines thüringischen Sängers oder Konrad von Würzburgs Ritter mit dem Schwan. Dass er selbst Einsamkeit und Unverstandenheit eines Künstlers in Lohengrin verkörpert haben könnte, macht die Interpretation einer seiner populärsten Opern nicht einfacher. David Hermann legt am Staatstheater Nürnberg in der Geschichte von Elsa und Lohengrin die Auseinandersetzung offen zwischen heidnischem Kult von Wotans Germanen und zum Christentum bekehrten Brabantern. Er nimmt die Erwähnung von Parzival und Wotan zum Anlass, beide als zwar stumme Rollen sichtbar zu machen, aber ihre intrigante Einmischung (Wotan) oder missionierenden Sendungsauftrag (Parzival) herauszuheben. Lohengrin ebenso wie Ortrud und Telramund werden dadurch mehr Getriebene als Akteure. Johannes Lang und Jochen Kuhl vom Nürnberger Schauspielhaus verkörperten diese Rollenportraits hinreißend, ließen abseits der Konfliktebene auch von Hermann intendiertes Schmunzeln und Leichtigkeit zu, wenn Wotan mit Walküren waidgerecht ein Wildschwein zum Festessen tranchiert oder Parzival ins Brautgemach späht, ob Lohengrin nichts anbrennen lässt.

Johannes Lang (Wotan), Sangmin Lee (Friedrich), Eric Laporte (Lohengrin), Jochen Kuhl (Parzifal) © Bettina Stöß
Johannes Lang (Wotan), Sangmin Lee (Friedrich), Eric Laporte (Lohengrin), Jochen Kuhl (Parzifal)
© Bettina Stöß

Jo Schramms sanft schwebendes Bühnenbild silbrig glänzender Stangenvorhänge unterstützt diesen Ansatz, kann vom waldartigen Mikado-Dickicht vor dem Gottesurteil des ersten Akts zur Illusion hoher gotischer Kirchengewölbe mutieren, in die sich ein Orgelpfeifenprospekt organisch einfügen lässt; verbindende Kreuzgänge schafft es ebenso wie es Volksmassen hinter Gittern aufhält, im Hochzeitsgemach des dritten Akts dann Bündelung auf die alles entscheidende Frage symbolisiert. Die übrige geringe Möblierung von fahrbarem Holzthron, knorrigem Welteschen-Stumpf oder nach Art schwedischer Möbelhäuser schnell zusammensetzbarem Ehebett hält sich, auch farblich, wohltuend zurück. Umso prunkvoller sind die verspielt und vielfältig bunten Kostüme von Katharina Tasch, die Fantasy-Welten wie Game of Thrones entspringen könnten; zusammen mit der lebhaften Personenführung lassen sie starke Rollenbilder und suggestive Massen-Choreographien im Gedächtnis haften.

Martina Dike (Ortrud) und Emily Newton (Elsa von Brabant) © Bettina Stöß
Martina Dike (Ortrud) und Emily Newton (Elsa von Brabant)
© Bettina Stöß

Bereits in der Ouvertüre war Lohengrins Aussendung durch die Gralsritter im stummen Spiel in Montsalvat bildhaft geworden. Joana Mallwitz am Pult der Nürnberger Staatsphilharmonie hatte mit den sphärischen Klängen des Vorspiels (und den traumhaft viergeteilten ersten und zweiten Violinen) eine überirdische Atmosphäre im Raum geschaffen; straffe Tempi und intuitives Gespür für Licht- und Schattenzonen der Musik, Realistisches wie Visionäres in Wagners Klangsprache kennzeichnete die weiteren Akte. Seidenweiche Streicher, lyrischer Feinschliff der Holzbläser und präzises, martialisch wie choralschön agierendes Blech bereiteten im vollbesetzten Haus philharmonische Sternstunden.

Stark in Stimmgewalt und Spiel präsentierte sich der von Tarmo Vaask glänzend einstudierte Chor und Extrachor des Staatstheaters; höchst präsent erschienen insbesondere seine Mannen, die fast andauernd quasi-solistische Leistungen zu erbringen hatten. Mühelos wurde in sechsstimmigen Teilungen und Mehrchörigkeit die Bandbreite zwischen geheimnisvollsten Pianissimi und brausendem Volksjubel ausgefüllt.

Sangmin Lee (Friedrich von Telramund) und Martina Dike (Ortrud) © Bettina Stöß
Sangmin Lee (Friedrich von Telramund) und Martina Dike (Ortrud)
© Bettina Stöß

Daeho Kims Heerrufer hatte klangvoll und nobel zur Versammlung der Ritter im ersten Akt aufgerufen; sonor und mit mächtigem Bassvolumen füllte Karl-Heinz Lehner dann König Heinrichs Macht, Recht zu schaffen und aufgebrachte Volksgruppen zu befrieden. Als Gast war der kanadische Tenor Eric Laporte mit der vielschichtigen Figur des Lohengrin betraut. Neben dem Heroischen verlieh er insbesondere dem sehnsüchtigen und menschlichen Teil von Lohengrin herrliche Kantabilität, beeindruckte in natürlich warmem und hellem Timbre durch imponierende Textverständlichkeit und seine glaubhafte Rollenausdeutung. Zum Höhepunkt wurde seine Gralserzählung, deren hell glühende Spitzentöne ihn völlig einsam ins Zentrum der sanft pendelnden Stangenvorhänge rückten.

Elsas vielfältige Facetten wurden von Emily Newton berührend ausgefüllt. Bei ihrem ersten Auftritt vor der versammelten Volksmasse war ihre Rollenführung noch undeutlich, der vom Chor beschriebene Eindruck von „licht und rein“ auch im stimmlichen Vibrato kaum spürbar. Immer überzeugender agierte sie dann im zweiten Akt im Spannungsfeld ihrer hasserfüllten Gegenspielerin Ortrud, überwältigte in geheimnisvoll leuchtendem jugendlichem Timbre beim prickelnd lustvollen Liebesspiel mit Lohengrin. Da ließ andererseits ihr stolzes Selbstbewusstsein keinen Zweifel mehr an der Unausweichlichkeit der Herkunftsfrage.

Johannes Lang (Wotan) © Bettina Stöß
Johannes Lang (Wotan)
© Bettina Stöß

Ortruds und Friedrich Telramunds dramatisches Rezitativ zu Beginn des zweiten Akts weist bereits auf die Konfliktsituationen späterer Wagneropern. Mit Martina Dike und Sangmin Lee waren diese Protagonisten der germanischen Heidenwelt optimal und ebenbürtig besetzt, überzeugten stimmlich ebenso uneingeschränkt wie im Spiel ihrer Verstellung, Manipulation und Tücke.

Dass der Schwan wohl erst nach einem weiteren Jahr den Thronfolger in Brabant bringen würde und im Schlussbild ein überraschendes Interregnum drohte, ließ manchen verstörten Wagner-Liebhaber seine Buhs in den Applausjubel mischen. Die begeisterte Akklamation für die Ensembleleistung schmälerte es nicht.

Keine Frage: dieser Lohengrin hat alles, was man sich an Klangsinnlichkeit, stimmlicher Delikatesse, starken Bildern und provokanter Regiearbeit wünschen kann!

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