Ständige Gastdirigenten können mit den Orchestermusikern ein differentes Repertoire- und Klangspektrum entwickeln, abseits eines künstlerischen Markenfußabdrucks, den ein Chef im besten Fall zu setzen vermag. Als ein solcher arbeitet Sir John Eliot Gardiner seit einiger Zeit mit dem London Symphony Orchestra zusammen, der sich nach Beethoven und Mendelssohn nun folgerichtig Schumann als Zykluskomponist ausgesucht hat, um symphonisches Kernertum mit sogenanntem historisch-informiertem Anspruch – und damit fast etabliertem Selbstverständnis – weiter in das musikalische Rüstzeug einzupflegen. Auf dem Programm des Auftaktes dieser Tour standen in der Essener Philharmonie die Genoveva-Ouvertüre und die Zweite Symphonie, dazu Beethovens Klavierkonzert Nr. 1.

Sir John Eliot Gardiner und Piotr Anderszewski © Sven Lorenz
Sir John Eliot Gardiner und Piotr Anderszewski
© Sven Lorenz

Und wenn es ging, dann führte Gardiner in den letzten Jahren ein, die Symphonie am Programmende nach historischem Vorbild im Stehen zu spielen, wie wohl bei der Uraufführung Schumanns Nervenkrieg in C-Dur unter Mendelssohn 1846 im Gewandhaus. Diese doppelt sinnhaftige Aufstellung fördert noch mehr Schwung, Frische und artikulatorische Wucht; Kennzeichen der lebhaften und umso lebensnaheren Interpretation, die bereits in der sitzenden Ouvertüre zu Schumanns Oper Genoveva deutlich auf sich aufmerksam machten. Sie legten die von Schumann wunderbar beherrschte metamorphotische Mixtur von Poesie und Psychodrama äußerst expressiv frei, die laut Gardiner nur zu oft von einer bedauerlichen Klangrede einer „dicken Kartoffelsuppe“ überdeckt wird. Sein Rezept für einen anregenden Vitaminshake aus jeweils irgendwie rast- und ratloser Dunkelheit und feierlicher Überwindung dagegen waren neben fulminant schnellen Tempi scharf-strahlende, blitzende Streicher und derb-energische Bläser, allesamt eigentlich komplett ohne Vibrato, sowie kleine Pauken mit harten Holzschlegeln. Sie setzten starke Akzente und gerade durch diese Artikulation – die eben mal unfeiner klingen durfte und musste – klar verständliche, unbändige Gefühlsbilder.

Schumanns Ouvertüre endete straff und triumphal mit mächtigen Schlussfanfaren und ebenso festlich und zugleich mit lyrischem Einschlag begann Beethovens Erstes Klavierkonzert. Dafür nahm der äußerlich schüchtern und in sich gekehrte Piotr Anderszewski auf dem Schemel Platz, der als Connaisseur Mozarts und Beethovens gilt, aber auch ein bekannter Gardiner-Erprobter ist, sodass die Verständigung blind gelang. Gardiner lugte nach abgeschlossenem Klaviereinsatz nur kurz verschmitzt und zufrieden zum Pianisten herüber. Umso ausdrucksstärker versah Anderszewski sein Tastenspiel, in dem er einerseits tüpfelnde Akkorde nach zarten, fließenden Übergängen zum Orchester mit mahnend-erhobener linker Hand erschuf, als sei er selbst von Affekt und erzeugter Spannung überrascht. Andererseits wählte er hart betonte Anschläge bei geläufigen Spitzen oder seine bürstig-sonore Kadenz im beschwingten und gleichsam ernst-rhythmischen Allegro con brio.

Sir John Eliot Gardiner mit dem London Symphony Orchestra © Sven Lorenz
Sir John Eliot Gardiner mit dem London Symphony Orchestra
© Sven Lorenz

Ohne Verlust an instrumentaler Theatralik und Dynamikvarianz warfen sich Klavier und Orchester im sehr getragenen, träumerisch-schreitenden zweiten Satz die Gesangsmotive diesmal mit sinnlicher und weicher Phrasierung zu. Als überrumpelnder Kontrast dazu mit ultraflinkem Finalrondo knisterte fast lateinamerikanisches Feuer statt österreichischer Tanzspaß. Anderszewski forderte bei den mit ihm scherzenden Bläsern noch heftigeres Mitgehen in Rhythmik und Betonung, die das LSO in diesen überschäumenden Umständen sauber und kernig setzte. Bei dieser Einheit darf man sich schon auf Schumanns Klavierkonzert freuen, das alle Beteiligten dann nächstes Jahr zu Gehör bringen werden, obwohl eine Aufnahme mit Maria Joao Pires (für die Anderszewski nun im Zyklusprogramm einsprang) bereits vorliegt.

Gardiners Einspielungen der Schumann-Symphonien mit dem ORR vor mehr als zwanzig Jahren sind mittlerweile legendär. Selbiges ist also mit dem LSO zu erwarten, das sich – wie angekündigt – bis auf Celli und Kontrabässe erhob, um in der Zweiten Symphonie Schumanns biografisches Ringen mit Schmerz, wütenden Anfällen, Fragezeichen, trügerischem Aufatmen und einer immer schimmernden Lebensfreude hörbar erfrischend loszulassen. Mit pfeifender, sprudelnder Emotion, angetrieben von immer wirbeligerem Tempo, blinkten die Nervenbahnen, schoss das Blut durch die (Klang-)Körper und leuchtete die helfende Medizin der Bläserfanfare im Kopfsatz auf. Knackig flogen die physischen und psychischen Fetzen in einem wahrhaftigen Scherzo mit körnigen Trios, spitzer Streicher-Artikulation und beißender Trompete in der wahnsinnigen Stretta, nach der Gardiner bereits die Faust ballte und seinen augezeichneten Ansatz aufgegangen, beim Orchester schon verinnerlicht sah.

Einschneidende hohe Streicher, die im poetisch verzückenden Gewand melancholisch melodierenden Solo-Holzbläser und der Fanfarenchoral des Blechs machten den dritten Satz beinahe zu einem Trauermarsch, in dem sich flehende Geister mit sich im intensiven Gericht befanden, mit dem Leben fast abschlossen, um aus diesem Kampf in einem kraftstrotzenden Finale mit dem Sieg des Lebens hervorzugehen. Pulsierende Bässe, herzschlagende Pauken und sehnige Streicherlust feierten ausgiebig furios Robert Schumann, seine Symphonik und deren beste Übersetzer selbst: Sir John Eliot Gardiner zusammen mit dem LSO, für die nun auch alle Zuschauer standen und ihren mit Haut und Haaren übertragenen Gefühlen freien Lauf ließen. Was für ein Auftakt!