Gaetano Donizettis Lucia di Lammermoor ist die meist diskutierte Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper in der laufenden Opernsaison. Dies liegt zum einen an der nicht unumstrittenen Inszenierung von Barbara Wysocka, zum anderen an der fabelhaften Besetzung mit Diana Damrau als Lucia. Reguläre Karten sind seit Wochen ausverkauft, die Aufführung am 8. Februar um 18 Uhr wird allerdings unter staatsoper.tv per livestream übertragen. Einschalten lohnt sich, und zwar insbesondere wegen der großartigen künstlerischen Leistung aller beteiligten Musiker.

Barbara Wysocka versetzt die Handlung der Oper in die Vereinigten Staaten zur Zeit der Kennedy-Ära und demonstriert so, dass es noch gar nicht allzu lange her ist, dass auch in der sogenannten „zivilisierten Welt“ Zwangsehen gerade in gesellschaftlich exponierten Gesellschaftsschichten gang und gäbe waren. Wenn auch die Zwänge nicht mehr so unmittelbar und offensichtlich ausgeübt wurden, so gab es und gibt es wohl bis heute in bestimmten gesellschaftlichen Milieus ungeschriebene Gesetze dahingehend, welche äußeren Eigenschaften ein zukünftiger Ehepartner mitbringen sollte und welche besser nicht. Lucia di Lammermoor wurde ihr zukünftiger Ehemann Lord Arturo Bucklaw vor allem deshalb angedient, da er die finanziellen Mittel hatte, die vor dem Ruin stehende Familie der Ashtons zu sanieren.

Der rapide Untergang dieser Familie ist neben dem tragischen Psychogramm Lucias das Leitmotiv des Regiekonzepts von Barbara Wysocka. Die Bühne zeigt einen halbverfallenen Hotel-Ballsaal, der im Verlauf der Oper immer mehr zu einer Ruine verkommt. „Der Raum wird zur eigenständigen Figur innerhalb des Dramas – man könnte beinahe von einer Psyche des Raumes sprechen,“ so die Regisseurin selbst. Diese Grundidee überzeugt. Während sich allerdings das Schicksal Lucias immer mehr verdichtet, wird das Bühnenkonzept nicht wesentlich weiter entwickelt und nutzt sich deshalb vor allem gegen Ende des zweiten Akts ab. Durchgehend gelungen hingegen ist die Lichtregie, die das dramaturgische Geschehen gekonnt akzentuiert. 

Donizettis Werk ist einer der Höhepunkte des Belcanto und gilt als Idealtypus der romantischen Oper. Der russische Dirigent Kirill Petrenko hat die Partitur gewohnt sorgfältig mit Orchester und Sängern erarbeitet und vermochte wieder einmal ein homogenes und fein differenziertes musikalisches Gesamtkunstwerk zu kreieren. Besonders erwähnenswert war der ausbalancierte Bläserklang und hier wiederum die äußerst souveränen Hörner, denen in diesem musikalischen Meisterwerk eine tragende Rolle zukommt. Würdigt man die sängerische Leistung des Opernabends, so sollte der von Stellario Fagone einstudierte Chor nicht vergessen werden, der vom Publikum zu Recht gefeiert wurde. Auch Rachael Wilson als Alisa und Dean Power als Normanno verkörperten ihre Rollen tadellos, ebenso wie der italienische Tenor Emmanuele D’Aguanno die Rolle des Arturo.

Georg Zeppenfeld setzte nicht nur mit seinem wohltönenden Bass, sondern auch mit seiner Schauspielkunst den Erzieher Lucias, Raimondo Bidebent, äußerst gekonnt in Szene. Zeppenfeld nutzt die klanglichen Facetten seiner eleganten Stimme zur Gänze und phrasiert dabei höchst delikat. Luca Salsi hatte als Lord Enrico Ashton eine der großen Rollen inne. Als Bruder Lucias erlebt er ebenfalls eine dramatische emotionale Entwicklung und ist zunächst von egoistisch-patriarchalem Gehabe geprägt. Nachdem seine Schwester wahnsinnig geworden ist und den ihr angetrauten Arturo ermordet hat, wird er jedoch von Mitleid für Lucia und auch für sich selbst zerrissen. Die Entwicklung dieser Figur gelang Salsi gut und sein exquisiter Belacanto war ein Hochgenuss. Pavol Breslik mimte Lucias Geliebten Sir Edgardo. Seine musikalische Leistung war aus einem Guss, wenn er auch schauspielerisch manchmal neben seiner Opernpartnerin Diana Damrau verblasste.

An Diana Damraus überwältigende Darstellung der Lucia, die eine der vielschichtigsten psychologischen Pathologien der Operngeschichte schildert, reichte an diesem Abend aber ohnehin niemand heran. Damrau sang wie von einem anderen Stern. Muss hier noch erwähnt werden, dass man die Wahnsinnsarie („Il dolce suono“), die wie in der Originalfassung mit einer Glasharmonika und nicht mit der sonst üblichen Flöte begleitet wurde, selten so packend und mitreißend gehört und erlebt hat? Die Zuhörer saßen auf ihren Stuhlkanten und fieberten regelrecht mit, während diese nach Unabhängigkeit schreiende tragische Frauenfigur sich durch die Flucht in den Wahnsinn aus ihren gesellschaftlichen und familiären Fesseln befreite. Danach konnte sich das qualitätsverwöhnte Münchner Publikum nicht länger in den Sitzen halten.

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