Ein weißes Blatt Papier – viel mehr braucht Regisseur Andreas Homoki, Intendant der Oper Zürich, nicht, um Giacomo Puccinis Madama Butterfly vor der imposanten Kulisse der Seebühne in Bregenz in Szene zu setzen. Diese von Bühnenbildner Michael Levine konstruierte Leinwand ragt dabei mehr als 20 Meter über den See auf und fällt in mehreren Wellen in Richtung der Zuschauerränge herab. Nur in zarten Tuschestrichen erkennt man in dieser weißen Einöde die Provinz um das japanische Nagasaki. Homoki reduziert Puccinis Fernostdrama radikal auf die handelnden Personen und gestaltet dennoch mit Hilfe von Lichtinstallationen und knalligen Kostümen eine packende Inszenierung.

Madama Butterfly
© Bregenzer Festspiele | Karl Forster

Bezeichnenderweise ist es Pinkerton, der direkt zum Beginn der Oper die Leinwand an zwei Stellen unvorsichtigerweise einreißt. Die Löcher werden bis zum Ende der Inszenierung wie klaffende Wunden bestehen bleiben. Sobald Puccini das Star-Spangled Banner in seiner Partitur erklingen lässt, schießt durch eines der beiden Löcher ein übergroßer Flaggenmast mit der amerikanischen Flagge. Ein wenig erinnert die Szenerie an die Wettläufe zu den Erdpolen, die als Wettbewerb der Imperialmächte darin gipfelten, die Extrempunkte der Welt mit der eigenen Flagge zu veredeln.

Madama Butterfly
© Bregenzer Festspiele | Anja Köhler

Bei Puccini verlagert sich die bisweilen grausame Kolonialgeschichte zum persönlichen Drama. Pinkerton heiratet aus einer Laune heraus Cio-Cio-San, genannt „Butterfly“, verlässt diese jedoch gleich wieder und stürzt Cio-Cio-San ins Unglück. Łukasz Załęski darf als Pinkerton in königsblauer Marineuniform, die an Leonardo DiCaprios Outfit in Catch Me If You Can erinnert, über die Bühne stolzieren. Schmerzlich muss das Publikum verfolgen, dass Pinkerton selbst bis zuletzt zu feige ist, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Das ist von Załęski gut gespielt. Stimmlich legt er die Rolle kraftvoll an, forciert in den dramatischen Stellen allerdings doch hörbar.

Madama Butterfly
© Bregenzer Festspiele | Anja Köhler

Elena Guseva als Butterfly steht bei der ohne Pause aufgeführten Oper fast zwei Stunden ununterbrochen auf der Bühne. Und obwohl Homoki in seiner Inszenierung auch plakative Effekte einsetzt, wie den von seinen Dienern durchs Wasser getragene japanische Fürst Yamadori oder ein übergroßes Papierboot, lenkt kaum etwas von der Protagonistin ab. Guseva liebt, wartet und leidet – schauspielerisch hinreißend umgesetzt. Auch gesanglich liefert sie eine starke Butterfly ab. In ihrer Stimme vereint die russische Sopranistin lyrische Zartheit aber auch Kraft, die lediglich in den Höhen etwas an Durchschlagskraft einbüßt.

Madama Butterfly
© Bregenzer Festspiele | Anja Köhler

Ebenso großartig singt Brett Polegato den amerikanischen Konsul Sharpless, der als Pinkertons Kumpane im zweiten und dritten Akt versucht, die Scherben aufzukehren, die sein Landsmann hinterlassen hat. Polegato verfügt dafür über einen weichen Bariton mit vollem Volumen. Cio-Cio-Sans Bedienstete Suzuki ist mit Claudia Huckle solide besetzt. Ihr dunkles Timbre klingt allerdings eher mütterlich als nach einer schwesterlichen Dienerin.

Madama Butterfly
© Bregenzer Festspiele | Karl Forster

Die Wiener Symphoniker liefern unter der Leitung von Enrique Mazzola vom Festspielhaus hinter den Tribünen eine funkelnde, farbenkräftige Interpretation der Partitur, die er bis ins letzte Detail ausleuchtet. Mal klingt die Musik kammermusikalisch und passt sich der fein bemalten Bühne an, dann wiederum lässt Mazzola das Orchester satt auftrumpfen. Erstaunlich, wie präzise er Orchester und Sänger beisammenhält, ohne die vertraute Kommunikation über kurze Distanz vom Orchestergraben auf die Bühne.

Madama Butterfly
© Bregenzer Festspiele | Karl Forster

Nach zweieinhalb Stunden und dem unvermeidlichen Tod Butterflys geht die Seebühne schließlich in Flammen auf. Statt mit Effekten überzeugt diese Inszenierung mit ihrer musikalischen Qualität und ihrer großartigen Protagonistin.

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