Pluralismus ist ein wichtiges Merkmal der Neuen Musik. Das Eröffnungskonzert der MaerzMusik 2015 brachte in Berlin nun ein neues Konzertformat auf die Bühne, das den Pluralismus ganz deutlich widerspiegelt: Liquid Room, eine Art Live-Streaming von Musik, gespielt vom belgischen Ensemble Ictus. So kamen insgesamt 21 Stücke von 18 Komponisten, die unterschiedliche Gattungen und Spielformen pflegen, im fünfstündigen Rahmen des Konzertes ohne Pause zur Aufführung. Den Zuhörern war es jedoch erlaubt, während der gesamten Aufführung im Konzertsaal herumzuwandern, die Musik aus verschiedenen Hörwinkeln aufzunehmen, den Saal zu verlassen und wieder zurückzukommen.

Ensemble Mosaik © Disruktur
Ensemble Mosaik
© Disruktur
Ein weiteres Schlüsselwort der Neuen Musik ist das der Sackgasse, das heißt die Vorstellung, es gäbe in der Musik keine kompositorische Weiterentwicklung. Die Kompositionen, die an diesem Abend gespielt wurden, führten jedoch von dieser Sackgasse zu einer Durchfahrtsstraße und belegten damit das genaue Gegenteil: Natürlich gibt es auch in der Neuen Musik noch Entwicklungen, besonders durch den Versuch, durch das Studium der Vergangenheit neue Erkenntnisse zu gewinnen und Wege zu finden. Timber für sechs Schlagwerker von Michael Gordon erinnerte durch diesen Rückbezug zwar an das Spiel des polyrhythmischen Stücks Drumming von Steve Reich, allerdings konzentrierte sich der Komponist auf einen subtilen Kontrast von Klangfarben des Simantra – eines russischen Schlaginstruments, gefertigt aus einer Holzplatte – und den Effekt der akustischen Schwebung.

Die Verbindung zur Vergangenheit, genauer zu Vinko Globokars
?Corporel (1985), spiegelte sich auch in François Sarhans Homework II. in the garage wider. Der Körper fungiert in diesem Stück als Perkussionsinstrument, und entsprechend wichtig ist die Rolle der körperlichen Gesten. Dabei griff der Komponist nicht nur auf die Komposition von Globokar zurück, sondern zeigte auch deutlich seine eigene musikalische Sprache: Der Text verbindet sich mit den musikalischen Körpergesten, die tonlosen Gebärden verbinden sich mit der musikalischen Metrik und Rhythmik. Adam Rosenblatt, der alleinige Interpret des Werks, meisterte die Performanz sowohl musikalisch als auch theatralisch mit seinen flinken und rhythmischen Bewegungen, die wie eine eigene Melodie erschienen.

Auch sind in der Neuen Musik die Noten nicht mehr eine Art Geheimtext zur Aufführung durch Musiker und Komponisten, sondern können auch mit dem Zuhörer geteilt werden, wie sich beim Kammerstück Limun der italienischen Komponistin Clara Iannotta zeigte. Die Noten wurden hier für jeden sichtbar auf eine Leinwand projiziert und von Chatschatur Kanajan (Violine) und Karen Lorenz (Viola) des Ensemble Mosaik dem Publikum durch eine lebendige Interpretation nahegebracht. Allerdings bedeutet kompositorische Arbeit heutzutage nicht mehr unbedingt das Schreiben von Noten; auch das Programmieren am Computer ist eine Art der Komposition, die Kaj Duncan Davids Sound & Vision auf dem Laptop-Bildschirm veranschaulichte.

Eine weitere prominente Tendenz der Neuen Musik ist die Überschneidung mit anderen Musikgenres. Ganz eindringlich demonstrierten das zwei Werke von Bruce McClure und Bernhard Gander. In McClures Modified Projector Performance präsentierte sich die Komposition zunächst wie Clubmusik mit lauten und schnellen Schlägen, wobei sich jedoch allmählich rhythmische Motive entfalteten. In Ganders Werk hingegen scheint sich seine Affinität zum Metal zu spiegeln, die inschöne worte grandios und mit angemessener musikalischer Aggressivität durch das Ensemble Mosaik herausgearbeitet wurde.

Bei einer derart langen Veranstaltung wie Liquid Room mit einer solchen Masse an Musik ist die Koordinierung der gesamten Aufführung enorm wichtig, schon aus dem Grund, die Performances so zu organisieren, dass die Zuhörer im Laufe der fünf Stunden nicht mit Sinneseindrücken überfrachtet werden und letztlich das Interesse verlieren. Die Möglichkeit, sich während der Veranstaltung frei zu bewegen, trug viel dazu bei, doch auch ein Werk entpuppte sich als besonders anziehend: Alvin Luciers Silver Streetcar for the Orchestra, ein Stück für verstärkte Solo-Triangel, bei dem die regelmäßigen Schläge wie ein Signal wirkten, das unmittelbar die Aufmerksamkeit des Publikums weckte.

Liquid Room zeigte neben einer beeindruckenden Auswahl zeitgenössischer Werke vor allem, dass die Schöpfungsakte der Neuen Musik nicht nur pluralistisch, sondern auch liberal sind. Als musikalischer Ausdruck scheint heutzutage alles erlaubt, Komponisten bedienen sich jeglicher Gattungen, Formen und Stile, verbinden und mischen sie. Wo dabei immer die Gefahr des Chaos lauert, führte dies in Berlin auf erfolgreiche Weise zu einem abwechslungsreichen, dynamischen Konzertprogramm.