Am 22. Dezember 1987 entdeckte der deutsche Astronom Freimut Börngen den Hauptgürtelasteroiden 4406 und nannte ihn nach dem österreichischen Komponisten Mahler. Nach dem französischen Komponist Henri Dutilleux ist noch kein Kleinplanet benannt, obwohl sich sein 1978 komponiertes Orchesterwerk Timbres, espace, mouvement, ou La Nuit étoilée deutlich hörbar mit dem Sternenhimmel befasst. Inspiriert hatte Duttileux das Gemälde Die Sternennacht, das Vincent van Gogh 1889 in Arles gemalt hatte.

Valery Gergiev © Alberto Venzago
Valery Gergiev
© Alberto Venzago

Die von Dutilleux komponierte Sternenmusik scheint sich nach kosmischen Gesetzen zu richten mit seinen Grundtönen, die wie schwarze Löcher Tonmaterial energetisch anziehen. Das Stück beginnt mit den sphärischen Klängen eines gestrichenen Vibraphontons und Celloflageoletten. Die daraufhin einsetzenden Melodielinien steigen ausgehend von immer demselben Grundton nach oben auf, wechselweise gespielt durch Bläser oder tiefe Streicher. Auch Gong und Celesta sind mehrmals zu hören, sie begleiten ebenso ein wunderschönes Englisch Horn Solo. Im nächsten Abschnitt beginnen die Melodiefragmente in der Höhe und steigen immer wieder herab zum gleichen Grundton. So wiederholen sich ähnliche Linien und Farbenspiele, es geht von Ruhe zu Aufgeregtheit und wieder zurück. Wohlige Blechbläserakkorde wechseln sich ab mit aufgeregten Holzbläserlinien, unterbrochen durch das Schlagzeug oder col legno gespielte Basstöne. Ein überlauter Gongschlag markiert das Ende der dreisätzigen Komposition, zu dem das gesamte Orchester auf demselben Grundton ausklingt.

Das Rotterdams Philharmonisch Orkest war in dieser ersten Hälfte des Konzertes ohne Geigen und Bratschen zwar interessant aufgestellt, in einigen Einsätzen der Celli aber deutlich hörbar nicht zusammen. Dank der ausgezeichneten Bläser- und Schlagzeugsoli tat das dem Hörgenuss aber keinen Abbruch.

Über die Tempi der Symphonien von Gustav Mahler gibt es unterschiedliche Auffassungen. So konnte die in der zweiten Konzerthälfte folgende Siebente Symphonie bei Pierre Boulez mit dem Concertgebouw Orchester 76 Minuten dauern, bei Haitink mit demselben Orchester aber auch ganze 5 Minuten länger in Anspruch nehmen. Valerie Gergiev hatte für seine Interpretation in Rotterdam nur 73 Minuten nötig, wobei vor allem der letzte Satz zu einer wahren Achterbahnfahrt geriet. Aber zurück zum Anfang. Pierre Volders begann mit einem düster umflorten, überzeugend gestalteten Tenorhornsolo und gab den Ring frei für eine ganze Reihe von herrlichen Einzelleistungen – besonders zu erwähnen sei hier die Konzertmeisterin Quirine Scheffers. Das Orchester überzeugte daneben auch mit warmen Blechbläser-, satten Streicher- und spritzigen Holzbläserklängen. Das zweite Thema war sehr gefühlvoll eingesetzt und der Satz endete fulminant schwungvoll und heldenhaft.

Die Nachtmusik, Allegro moderato besteht aus Walzer, Ländlern und Naturschilderungen. Die dafür vorgeschriebenen Kuhglocken waren hinter der Bühne aufgestellt und trugen so sehr effektiv zur geheimnisvollen nächtlichen Atmosphäre bei. Diese symmetrische Komposition sorgt mit seinen Wiederholungen für Wiedererkennung. Nur einmal am Ende davon abweichend, verquasselten sich Horn und Klarinette in dunklen Floskeln ganz so, als könnten zwei Zecher nicht Abschied vom weinseligen Abendgelage nehmen.

Im Scherzo begannen die Geigen den Reigen und das Blech beeindruckte mit schnellen Wechseln von Dur nach Moll. Alles hier wirkte flüchtig mit hastigem Aufbäumen, nur das Englischhorn hielt inne, bevor die Musik geheimnisvoll weiterflitzte und nicht enden zu wollen schien. Dem Fagott durfte die Pauke zu guter Letzt das Wort abschneiden. In der Nachtmusik, Andante amoroso gab es endlich Ruhe. Es entfalteten sich Traumbilder: das Horn erzählte von längst vergangenen Zeiten und die Streicher sponnen das Garn weiter. Die Mandoline als orchesterfremdes Instrument – hier hinter den ersten Geigen aufgestellt – war gut zu hören und unterstrich mit seiner Assoziation zum Ständchen unterm Balkon den Abendliedcharakter. Hartmut Haenchen hatte dies einmal mit dem Begriff „Musizierter Eichendorff“ treffend umschrieben. Verstillt endete dieser Satz mit einem Gitarrenakkord.

Im abschließenden Rondo waren alle Tempi rasant, keine Spur von Allegro ordinario oder Moderato, Gergiev peitschte das Orchester zum Hexentanz, nahm sich aber dann auch die Zeit zum Aussingen von Wiener Gemütlichkeit mit einer einzelnen leise singenden Trompete. Zur Apotheose wurden alle Themen noch einmal zitiert, oft in anderen Farben. Auch die Kuhglocken kamen zum Schluss wieder hinzu, diesmal aber auf offener Bühne. Die aberwitzigen Tempi gingen auf, das siebenmalig zurückkehrende Rondothema blieb erfrischend – eine Interpretation Mahlers Siebenter, die in guter Erinnerung bleiben wird.

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