Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Mariss Jansons zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Gustav Mahlers Siebte Symphonie aufgenommen hat. Nun hat der gebürtige Lette Mahlers Werk im Münchner Gasteig erneut auf die Probe gestellt und er schaffte es auf erstaunliche Weise damit den Reifungsprozess der letzten Dekade zu illustrieren.

Mariss Jansons © Brescia & Amisano
Mariss Jansons
© Brescia & Amisano

Locker und mit viel Spielraum führte der Chefdirigent an diesem Abend das Symphonieorchester an; so locker, dass ihm im zweiten Satz sogar der Taktstock aus den Finger flog. Jansons kämpft nicht mehr pedantisch um jede Einzelstimme, sondern lässt den Musikern – und damit auch der Symphonie selbst – Platz zum Atmen, um diesen schwer fassbaren Mahlerklang zu produzieren. Das Ergebnis ist ungemein klar, wohl konturiert und dennoch auf eine ganz natürliche Art und Weise dynamisch, mit, man möchte fast sagen, Spontanität. Lebensbejahend, warm, an keiner Stelle wirklich beschwerend oder sentimental, arbeitete Jansons die fünf Sätze der Siebten mit kontrollierten Tempi, aber auch ohne große Gegensätze durch.

Besonders zum Tragen kam diesem im zentralen Scherzo des Stückes. Mit beinahe heiterer Leichtigkeit und geistreichen Nuancen hob Jansons die oft so omnipräsente schattenhafte Schwere dieser Passagen und ermöglichte dem Zuhörer ungeahnte neue Einblick in die Siebte. Der wundervoll ausdifferenzierte Dialog zwischen Streichern, Holz- und Blechbläsern, den Jansons mit großzügigen Gesten führte, hatte oft fast etwas von einer kongenialen Improvisation. Das interessanter daran war, dass das selbst in der zweiten Nachtmusik, mit ihren charakteristischen Mandolinen- und Gitarrenpassagen, nie strikt narrativ wirkte. Mariss Jansons ging es hörbar nicht darum, einen romantischen Traum zu illustrieren, was bei Mahler immer eine Gefahr darstellen kann. Stattdessen entwickelte er auf meisterliche Weise eine in sich kohärente Klangwelt, die für sich selbst stand.

Am Ende fehlte seinem Dirigat wohl ein wenig die innere Spannung eines Claudio Abbado, wodurch Mahlers Werk erstaunlich nüchtern wirkte. Die gelobte Leichtigkeit hat eben seinen Preis. Diese Aufführung der Siebten Symphonie war unglaublich orchestral und homogen, aber vielleicht deswegen auch etwas zu weich. Mit wenige Ausnahmen, wie etwa die nahezu trompetenden Klarinetten zum Schluss, wurde dem in vielen Teilen doch unbequemen Stück die schroffen Konturen und Kanten genommen, selbst die markanten Zäsuren wirkten oftmals wie überblendet.

Trotzdem hat sich Mariss Jansons Mahler auf die entscheidende Weise weiterentwickelt. Wo etwa Bernstein in seinen letzten Jahren eher überbordend wurde, gestaltete Janson selbst im Allegro ordinario ein durchhörbares und trotzdem kraftvolles Klangerlebnis. Der Finalsatz, dem Musikhistoriker oftmals unterstellen, Mahlers schwächste symphonische Schöpfung zu sein, wirkte so unglaublich dreidimensional und stringent. Abgesehen von den vielleicht etwas zu präsenten Glocken, fand Jansons von Kontrafagott bis Piccoloflöte für jede Stimme einen Raum. Die letzten Takte wirkten dadurch weder wie eine brachiale Wand, noch klangen sie nach weltentfremdeter Kakophonie, sondern destillierten ein Klangerlebnis, welches sich auf angenehme Weise einer unmittelbaren Deutung entzog.

Ob und inwiefern sich diese Leserart von Mahlers Siebter Symphonie etablieren kann und wird, wird wohl nur die Geschichte zeigen. Für eingefleischte Mahlerianer ist dies wahrscheinlich kein ganz leichtes Unterfangen, aber am Ende durchwegs hörenswert.

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