Beim Dirigat von manchen großen Werken von Richard Wagner, Anton Bruckner oder Gustav Mahler helfen auf wundersame Art und Weise die erlebten Lebensjahre und die damit gesammelten Erfahrungen. Liegt es an der anderen Wahrnehmung des Zuhörenden, wissend um den Umstand des Dirigenten? Oder an dem Charisma und der Ausstrahlung einer gewissen Sicherheit des Dirigenten auf das Orchester und dem dadurch geschaffenen Raum von Sicherheit und Vertrauen, ein solches Werk aufzuführen? Oder ist es schlichtweg die gesammelte (handwerkliche) Erfahrung des Dirigenten im Umgang mit solchen Werken und das Wissen, die körperlichen und geistigen Kräfte wohl zu dosieren und eben an den richtigen Stellen einzusetzen? Häufig ergeben sich diese Stellen eben erst im Moment der Aufführung – so auch bei Mahlers Dritten Symphonie mit Zubin Mehta und den Berliner Philharmonikern.

Zubin Mehta
© Lena Laine

Am Ende des Konzertes verabschiedete das sichtlich bewegte Publikum den Dirigenten und die vielen beteiligten Musiker*innen mit minutenlangen stehenden Ovationen. Auch hier ist die Frage, was genau in den knapp 100 Minuten davor geschah, wieder nicht so einfach zu beantworten. Für mich war es vielmehr die Wirkung des gesamten Werkes als die Summe der einzelnen Momente. Das Werk wurde von Mahler, mit einem durchaus hehren Anspruch, auch so konzipiert, „die ganze Welt“ zu beschreiben und der „ganzen Natur eine Stimme“ zu geben.

Zubin Mehta dirigiert Mahlers Dritte Symphonie
© Lena Laine

Eben genau bei diesem Konzert wurde die musikalische Koexistenz geschaffen von lebenden Natureindrücken, vermeintlich einfachen Volksmelodien, militärischen Soldatenliedern, transzendentalen Visionen aus dem Jenseits und der Hymne an die ewige Liebe. Ohne die wahrlich erstklassigen Einzelleistungen der vielen herausragenden Solist*innen (insbesondere der Posaune mit großem, differenzierten Ton, des schwebend im Saal klingenden Posthorns und der lustvoll tanzende Klarinette), einer wunderbar und intim singenden Okka von der Damerau und des wohl intonierenden Damen- und Knabenchors, war es dann doch einfach der Gesamtklang aller Musiker*innen und ihre Wirkung. Eindrücklich zu Beginn und dann im weiteren Verlauf des letzten Satzes, was einerseits die Auflösung des Vorhergehörten darstellte und auch gleichzeitig den Bogen über alle, vermeintlich gegensätzlichen Facetten davor spannte. Ein umarmender Klang mit nachbleibender Wirkung.

Okka von der Damerau
© Lena Laine

Die Tatsache, dass Zubin Mehta 1961, als damals 26-Jähriger, zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker dirigierte (übrigens mit Mahlers Erster Symphonie) und bis heute drei Generationen der Musiker*innen der Berliner Philharmoniker begleitete, ist wahrlich beeindruckend. Es wirkt, als würden sich Orchester und Dirigent einander vertrauensvoll folgen, zuhören und kommunizieren. Auch wenn Dinge mal anders laufen als komponiert – der Perkussionist wartete zum Beispiel vergebens auf einen Einsatz von Mehta zum Gongschlag –, gibt es später ein mildes, gemeinsames Lächeln. Denn an diesem Abend kam es wirklich auf solche unbedeutenden Kleinigkeiten nicht an. Es kommt mehr auf das große Ganze an – und das war an diesem Abend sehr groß.

Zubin Mehta
© Lena Laine
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