In ihrem Gastkonzert im Berliner Konzerthaus umrahmte die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen die beiden Klavierkonzerte Mendelssohn Bartholdys mit zwei Werken Schuberts. Igor Levit, der zu Recht als einer der ganz großen Pianisten unserer Zeit gilt, nahm sich einmal mehr unbekannteren Werke an und von der stets hellwach begleitenden Kammerphilharmonie, rollte er das Feld von hinten auf: Vor der Pause gab es Mendelssohn Bartholdys Zweites, danach das etwas bekanntere Erste Klavierkonzert zu hören.

Igor Levit © Gregor Hohenberg
Igor Levit
© Gregor Hohenberg

Schumann nannte das d-Moll-Konzert eine „flüchtige, heitere Gabe“. Andere stufen Mendelssohn Bartholdys Werke grundsätzlich als Musik ab, die elegant, aber ohne Tiefsinn komponiert wäre. Der auch als Pianist bedeutende Komponist schrieb diese Stücke für sich. Dass er ein quirliger Pianist gewesen sein muss, der nicht allein im Geschwindigkeitsrausch komponierte, sondern auch in hohem Tempo Klavier spielte, davon zeugt der Solopart, der zumindest in den Ecksätzen mit Rasanz vorwärts stürmt. Levit ging mit großem Ernst an die Aufführung heran, donnerte nicht, sondern gestaltete die Formschönheit, die bei aller Virtuosität doch so rein wie klar hervortrat. Quasi ad libitum setzte er mit einem bohrenden Rezitativ ein. Er spielte den ganzen Part sehr gestisch und rhetorisch. Die kräftigen Akzente des Orchesters nahm er als Einwürfe in seine Rede und beantwortete sie entweder mit Ausrufe- oder Fragezeichen. So entstand ein Dialog zwischen Solist und Orchester. Beeindruckend war es zu hören, wie Levit dann ins ohne Pause einsetzende Adagio überleitete, dessen schlichtes, aber eindringliches Lied er frei von aller Sentimentalität vortrug. Im Finale verbindet Mendelssohn Bartholdy Scherzo-Charakter mit der Form des Rondos. Der vom Komponisten als „Klavierfeuerwerk“ bezeichnete Satz zündete mächtig unter den virtuosen Fingen dieses Ausnahmepianisten.

Nach der Pause erklang das etwas früher entstandene g-Moll-Konzert. Levit legte auch hier zu Recht Feuer. Schließlich ist für den Kopfsatz Molto allegro con fuoco vorgeschrieben. Die Kammerphilharmonie nahm sich, angefeuert vom Konzertmeister, nicht zurück, sondern gab ebenfalls Zunder. Berührend auch hier, wie es Levit verstand, im Andante innezuhalten und im Sinne des Komponisten traurige und tröstliche Töne miteinander zu mischen. Das Finale funkelte dann wieder und blitzte. Mendelssohn Bartholdy schloss in ihm insofern einen Kreis, als er im Rondothema des letzten auf das Hauptthema des ersten Satzes zurückging und es ins Heitere wendete. Doch erst nachdem der Pianist am Satzende das kantable Seitenthema des Kopfsatzes aufgegriffen hatte, durfte sich der Jubel ohne jede Trübung in G-Dur entfalten.

Für den Beifall bedankte sich Levit mit einer tiefsinnigen Darbietung des letzten der sechs Moments musicaux Schuberts.

Werke Schuberts eröffneten und beendeten das Konzert. Zuerst erklang die Zweite Ouvertüre „im italienischen Stil", die Schubert im Zuge der seinerzeit in Wien grassierenden Rossini-Manie komponiert hatte. Das Seitenthema wurde von der Kammerphilharmonie überzeugend wie eine Passage aus dem Barbier von Sevilla gespielt. Sehr wohltuend war dabei auch der Klang der Naturtrompeten. Wie überhaupt die historisch informierte Aufführungspraxis unaufdringlich das Konzert beherrschte.

Am Ende gab es die Fünfte Symphonie, nicht wie zu erwarten die sechste, die gleichfalls in der Zeit von Schuberts Begeisterung für Rossini entstanden war. Es war sehr erfreulich, dass die Musiker der Kammerphilharmonie nicht der Verlockung nachgingen, die Symphonie künstlich aufzuladen. Der zweite Satz mit seinem Briefduett und dem Bittgesang hätten dazu Anlass geben können und das grimmige Menuetto in g-Moll ebenfalls. Doch die Musiker wissen, dass hier noch keine Welt aufgebaut, sondern Musik gemacht wird, die sich noch nicht der Übermacht Beethovens beugt, sondern, ein letztes Mal in der Musikgeschichte, ohne Distanz den Geist Haydns und Mozarts anruft. Ein wenig Wehmut hörte ich im Ton, vielleicht wollte ich ihn auch hören.

Geleitet wurden die beiden Schubert-Werke stilsicher, eben historisch informiert von Konzertmeister Florian Donderer, der unter anderem in Berlin studierte und schon in dieser Zeit Stipendiat der Karajan-Akademie des Berliner Philharmonischen Orchesters war. Die Streicherbesetzung aus wenigen Pulten füllte auch ohne Vibrato den akustisch nicht unproblematischen Saal des Berliner Konzerthauses. Die Pauke war in der Ouvertüre etwas zu aufdringlich knallend; erst in der Symphonie, wo diese fehlt, wurde der Klang homogener.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen verabschiedete sich an diesem großen Abend mit dem Zweiten Zwischenspiel aus Schuberts Rosamunde als Zugabe.

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