War Balthasar Neumann Architekt weltlicher und kirchlicher Zeugnisse des Barock und Rokoko, darf Claudio Monteverdi in der musikalischen Zeit von Renaissance und Barock sowie zwischen Religion und Gesellschaft als derjenige kulturelle Übervater angesehen werden, der nach eigenem Leitmotiv „als moderner Komponist auf den Fundamenten der Wahrheit baut“. Bewundernswerter Ausdruck dieser reformatorischen Meißelung ist die Vespro della Beata Vergine von 1610, die unbedingt nicht fehlen darf, um das Monteverdi-Jubiläum und das Konzertjahr der Balthasar-Neumann-Ensembles von Thomas Hengelbrock auf ihrer traditionellen Weihnachtstour, zu der der Evonik-Schmaus in der Essener Philharmonie zählt, feierlich zu beenden.

Thomas Hengelbrock © Florence Grandidier
Thomas Hengelbrock
© Florence Grandidier

Die Modernität, konzil-reale Verknüpfung von Geistlichkeit und entscheidend-ansprechender, sinnlicher Profanität sowie schillernde Vielfältigkeit findet gleich Ausgestaltung in der Eröffnung der rätselhaften Messsammlung, wenn die Herzogstoccata des L'Orfeo im Domine ad adiuvandum erklingt. Hengelbrock ließ diese in einer reduzierten, als ursprünglich angenommenen Besetzung mit der Leuchtkraft des sechsundzwanzigköpfigen Chores und vor allem den hervorragenden Cornetti und Sackbutts erschallen. Doch genauso erstaunlich wie das Werk, überraschte Hengelbrock damit, diese Emotionalität im Folgenden nicht weiter aufzufächern, sondern nahezu ausschließlich den alten Stil hervorzuheben, der sich mit dem Cantus firmus und Choral durchzieht. Da blieb bis auf Ausnahmen wenig Platz für die operale Sprache, die die Vesper durchdringt.

Zugegeben: da sehr Vieles, von Instrumentierung, Stimmung, Anordnung und überdies der Konzeption an sich, das „Wahre“ nicht gesichert ist, stellt das Stück Interpreten vor große Anforderungen und Probleme. Zu dessen Lösung bedienen sie sich zwangsläufig persönlichen Geschmacks, sodass auch das Ergebnis in der Konsequenz eine Frage des Gustos ist. Und da fehlten mir – neben besserer italienischer Aussprache – die kräftigen Kontraste und die Theatralik, die Monteverdis neue Kunst der seconda prattica so eindringlich und direkt zu Herzen gehend machen. In Hengelbrocks Ansatz, mit dem Ernst des durchgehenden Tempos, führte das – wie im dritten Beispiel des sechsterzettigen Laetatus sum – zu einer steiferen ersten Psalmvertonung, dem Dixit Dominus, das ohne größeren Pinselstrich von dynamischen Spielereien, Varianz und Farbeffekten gezeichnet wurde.

Endete es in einem weichen, von der natürlichen Erstklassigkeit des Balthasar-Neumann-Chores getragenen „Amen“, zeigte Solist Jakob Pilgram mit seinem in diesem Attribut besonders hervortretenden Tenor zusammen mit Theorbist Michele Pasotti im Nigra sum, was eindrücklich im Text schlummerte. Diesen wirkte Pilgram mit der klaren und spannenden Anwendung von Dynamik, Trilli-Ornamentik, dekorierter Höhenreinheit und Betonung wunderschön ein. Seine Entsprechung fand er in den weiteren solistischen Hinreißungen, die die mitfühlenden Höhepunkte des Abends bildeten. So gestalteten nach einem etwas schwungvolleren, antiphon je achtstimmigen madrigal-concertanten Laudate pueri Agnes Kovacs und Alicia Amo ein strahlend-vereinigendes Sopran-Duett Pulchra es, das ihnen die männlichen Engel im Duo Seraphim lebendiger nachmachten. Darin wies Tenor Mirko Ludwig die stärkere Präsenz auf; eine, die mit dem Hinzutritt der Stimme des heiligen Geistes von Manuel Warwitz zu Hermann Oswald die wünschenswerte, diktions- und expressionsreiche, farbige Entfaltung brachte.

Mit auffallenderer Artikulations- und Kontrastschärfe wallte das energischere Nisi Dominus danach auf, das nun in seiner doppelchörigen Antwort das fesselnde Drama glücklicherweise offenbarte. Doch wirklich überspringen wollte der Funke nicht, auch wenn Hengelbrock mit einem himmlisch-aufgenommenen Ende des echoisierten, von Harfe und Regal-Orgel beziehungsweise Chitarrone unterlegten Audi coelum lockte, bei dem Hans Jörg Mammel etwas zittrig-gequält, aber in Reichweite und Trilli auf Zack hineinrief, Pilgram in bekanntem, passendem, sphärischem Dictum zurückwarf. Launiger ging es mit der arienhafteren, noch lautmalerischeren Einbringung des Balthasar-Neumann-Ensembles zu, speziell in der Bergamasca-Sonata sopra Sancta Maria nach einem Maresca-artigen Basso-continuo-Spiel des Lauda Jerusalem mit natürlich deutlich sakraler Aufladung.

Das orchestrale Intermezzo, und darin vor allem das weitere Zwischenspiel der beiden Violinen, nutzte das Orchester, um einen kunstvoll-stützenden Balken mit expressivem Anstrich einzuziehen, den die vier solisitschen Soprane mit ihren jeweilig geteilten Anufen in schlichter Feinheit konterkarierten. Mit dem Prunk der Bläser und tambourinesker Färbung von Violone und dunklem Regal steigerte Hengelbrock diese zum gedoppelten Finale, dem ein sanftes, liebliches Ave maris stella-Lied folgte, in dem die Dynamik geschickt wie mit jedem musikalisch wechselnden Strophengebilde aufgebaut wurde. Wie in allen Parts oder Paarungen von Vesperpsalm und Solokonzert umrahmten ausgewählte, meditative Antiphonen des Männerchores das abschließende Magnificat, in dem Monteverdi scheinbar alles nocheinmal zusammenbringt.

Endlich trat beispielhaft mit dem weihevollen Et misericordia, dem kurzen, spritzigen Fecit potentiam und der instrumental verzückenden Echo-Lautmalerei des Deposuit die volle Bilingualität, extravagante Reichhaltigkeit und Leidenschaft zu Tage, die das Genie Monteverdi mit seinen Melodien, Harmonien und seiner dramatischen Vehemenz ausmachen. Ein Lobpreis, zu dem die Balthasar-Neumann-Ensembles immer im Stande sind, und der – wie andere Meister – jedes Jahr groß gefeiert werden sollte.