Mit Telemann und Monteverdi feiern 2017 zwei der größten Komponisten bedeutende Jubiläen. Doch während das Bild des deutschen Weltbürgers leider immer noch recht verstellt ist, erinnert die Alte Musik-Szene mit dem Beleben der Musik und der Fokussierung auf die großen Vokalwerke des italienischen Meisters an die Schöpfung der modernen Oper und seine Größe.

René Jacobs © Josep Molina
René Jacobs
© Josep Molina

Einer der interpretatorischen Ausleuchter, der in den Reigen der Festivitäten um musikalisch-affektvolle Gefühlswelten nicht fehlen darf, ist René Jacobs. Nach den Einspielungen der Operntrias mit dem Concerto Vocale und namhaften Stimmgrößen vor über fünfundzwanzig Jahren kehrte er mit Il ritorno d'Ulisse in Patria und seiner aktuellen Klangcrew des B'Rock Orchestra bekannt spielgewaltig auf die Monteverdi-Bühne zurück.

Wer bei der Vertonung von Homers rückkehrenden Odysseus samt liebesgrämender Frau Penelope und dem höfischen Geschichtenfüllstoff darum herum ein Jacobs- und Monteverdi-typisches Theaterspektakel erwartet hatte, wurde in der neuen, halbszenischen Belgien-Produktion nicht enttäuscht, bot sie doch eine Vielzahl an akustischen wie optischen Reizen mit dramaturgischen Einfällen auf emotional-expansiver Vorlage des Komponisten. Auch wenn die kräftige Begleitung mehrheitlich die Stimmen- und Textverständlichkeit der Seconda pratica leider etwas übertönte, so glänzte doch in der zweiten Hälfte ein Ensemble mit musikalisch-spielerischer Einbettung in jeder Hinsicht. Körperlicher nach außen, phrasierungs- und kontrastfreudiger in alle Dimensionen sowie rücksichtsvoller in Unterzeichnung der Solisten agierten beispielsweise Streicher und Continuo-Abteilung des Orchesters, noch fein-sprudelnder die Flöten, während die Posaunen feierliche Dignitas und das Schlagwerk stimmungsvolle Effekte erschallen ließen.

Besonders geriet damit die entscheidende Bogen-Szene, in der B'Rock und Jacobs Teil der Kulisse wurden und unter Anfeuerungsgrollen der Trommel bei den Versuchen der ersten beiden Möchtegern-Könige in Deckung gingen, die weiße Fahne schwenkten oder den dritten mit spöttischem Gelächter quittierten. Angetan von dieser Lebendigkeit störte abschließend nur der instrumental unpassende Gong, der den Tod des aufgeblasenen Trios symbolisierte. Zuvor erfreute das Publikum bereits die Schlägerei zwischen dem als Bettlergreis verkleideten Rückkehrer und dem abhängigen Vielfraß-Schmarotzer Iro, die das Orchester in der Battaglia kernig und fetzig nur zu trefflich unterlegte. Passend auch Jörg Schneider, der – in passender Statur – das einfältige Dickerchen in seinem Übermut und Einfachheit so spielerisch liebenswürdig, gesanglich hell und frisch darstellte, dass ihn die Zuhörer nach seinem Weinkrampf gegen den Hunger spontan mit mitleidigem Applaus verabschiedeten.

Stéphane Degout © Julien Benhamou
Stéphane Degout
© Julien Benhamou
Den hatten auch die drei Freier verdient, die sich wie Pfauen um die Gunst der Königin mächtig ins Zeug legten, dabei aber T-Shirts mit der Aufschrift „Make Ithaka great again“ trugen, um das angeberische, unwürdige, egoistische Ansinnen in politisch aktueller Deutlichkeit herauszustellen. Stand dies natürlich der Rollensympathie gewollt entgegen, konnten Marcos Fink, Johannes Chum und Mark Milhofer in ihren von Monteverdi geschickt eingängig und teils kühn gestalteten Parts mit ihren unterschiedlichen und anziehenden Stimmfarben in harmonischer und dramatischer Spielfreude überzeugen. Das konnten auch das Liebespaar Mary-Ellen Nesi mit luftig weichem, rundem oder in Schmerzansprache tieferem Mezzo als Königinnen-Kupplerin und Pierre Derhet mit kraftvoll-jungem, leidenschaftlichem, klarem Tenor als vermeintlicher Frauenversteher.

Katarina Bradić als Königin Penelope selbst dagegen blieb in ihren Auftritten expressiv und besonders dynamisch eher blasser, entweder, wie eingangs beschrieben, in ihren verzweifelt-sehnsuchtsvollen Lamenti ob der flehentlichen Rückkehrwünsche vom Orchester zu sehr beladen, oder zu kontrastarm in der Wut mit der andauernden Konfrontierung der Liebe der anderen. Nur kleine Funken des Feuers in Bradićs wundervollem, dunkel-tiefem Alt verkündeten schließlich in der Wiedervereinigung mit Ulisse von der Loslösung der so lange skeptischen und trauernden Frau. Deren Eingeengtheit wurde vom durchgehenden Schwarz des Kleides genauso unterstrichen wie vom Quadratmeter-Radius der Bewegung, sitzend oder stehend am Schreibtischchen ihrer Kammer und des damit imaginär verdeutlichten versperrten, treuen Herzens.

In Wort und Ton mühelos verständlich, dabei mit (fast überzeichneter) Inbrunst aus den Irren erwacht, setzte sich Ulisse in Szene, wofür Stéphane Degout auf textlicher Unterlage seine Emotionen mit gewaltigem und gleichzeitig nuanciertem Bariton zum Ausdruck brachte, stets groß und lautstark aufgetankt im besungenen Glück, energisch im Durchblick der lebendigen Rückkehr, aufgewühlt im Zorn und der kämpferischen Auseinandersetzung sowie sanfter, lieblicher im Nachdenklichen oder familiären Aufeinanderzugehen.

Nicht nur in der Geschichte auf Seiten des Ulisse, sondern auch in Stimme und Ausdruck verbündet, stand Thomas Walker, der als Hirte mit beschwingter Natürlichkeit, in der Unterstützungs- und Überzeugungsleistung mit nicht loslassender Verve und in der Aufnahme Ulisses mit Güte ein starkes Bild zeichnete. Noch auffällig wandlungsvoller hatte Marie-Claude Chappuis ihren Mezzosopran einzubringen, was ihr auch trotz kleinerer Eintrübungen im technisch schwierigen Skalenfeuerwerk der helfenden Minerva eindrücklich gelang. Präsentierte sie sich in reiner Mezzo-Lage klarstens als göttlich weise Lenkerin, konnte sie ihre vorherige Tarnung als Jüngling mit changierender, ja nachmachender Unausgereiftheit und Unsicherheit eines Knabensoprans wunderbar umsetzen. Anicio Zorzi Giustiniani, Jerôme Varnier und Mirella Hagen komplettierten die formidable Mannschaft, die diesen Monteverdi zu einem wirklichen Fest machte.