6. April 2006: In einem Kasseler Internet-Café wird der damals gerade mal 21-jährige Halit Yozgat erschossen. Es ist der neunte von insgesamt zehn Morden, die der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugeschrieben wurden. Für die Angehörigen war das Urteil des Verfahrens eine Enttäuschung, da mitunter zwielichtige Arbeitsweisen des Verfassungsschutzes und insbesondere die Beteiligung des zum Tatzeitpunkt anwesenden Verfassungsschutzmitarbeiters Andreas Temme nicht vollständig aufgeklärt werden konnten.

Der Mordfall Halit Yozgat
© Sandra Then

Nach der Urteilsverkündung wurde beschlossen, die Akten des Falls für 120 Jahre zu verschließen. Nach dem mutmaßlich rechtsextrem motivierten Tötungsdelikt am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019 kamen vermehrt Forderungen auf, die Sperrfrist zu verkürzen und die Erkenntnisse den Ermittlungsbehörden zur Verfügung zu stellen. Daraufhin wurde die Sperrfrist auf 30 Jahre verkürzt. Bis heute ist nicht klar, wer den Mord begangen hat.

Um diesen brisanten Fall entstand die Oper Der Mordfall Halit Yozgat von Ben Frost als ein Auftragswerk der Staatsoper Hannover in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Hannover und in Koproduktion mit dem Holland-Festival. Anlass dafür lieferte unter anderem das unabhängige Forschungteam Forensic Architecturedas zum Fall Halit Yozgat eine Gegenrecherche unter dem Titel 77sqm_9:26min aufstellte. Darin werteten die Mitglieder Tatortfotos, Zeug*innenaussagen, zugespielte Polizeiakten und die Browser-Geschichte der Computer des Cafés sekundengenau aus, um so ein klareres Bild des Tathergangs und den möglichen Szenarien zu bekommen. Auch akustische und olfaktorische Untersuchungen kamen hierbei zum Tragen und selbst das Café wurde im Maßstab 1:1 nachgebaut, um die Geschehnisse eindeutig rekonstruieren zu können.

Der Mordfall Halit Yozgat
© Sandra Then

Inszeniert wurde die Oper vom Komponisten selbst, der auf der Bühne einen weißen, klinischen Raum – die 77 Quadratmeter des Kasseler Internet-Cafés – erschaffen hat. Dieser ähnelt vielmehr einem Labor, in dem das Verbrechen in der 130 Minuten dauernden Oper beleuchtet werden soll. Der Tatort wird nach und nach immer mehr seziert: Die Wände, Möbel und Gegenstände werden nacheinander entfernt und geben so die Anatomie dieses Verbrechens preis. Die Bewegungen der Zeug*innen sind alle genauestens durchchoreografiert und sind entzerrt und verlangsamt dargestellt.

Die sieben Sänger*innen wechseln mehrmals die Rollen, sodass jeder eine*n der sieben anwesenden Zeug*innen darstellt – mal einen der Jugendlichen, die Call of Duty spielen, mal Andreas Temme, der sich in ein Dating-Portal einloggt, mal eine Mutter, die in der Telefonkabine telefoniert. So verändert sich von Mal zu Mal die Betrachtungsweise, verschiebt den Fokus und lässt scheinbar Nebensächliches nach vorn treten. Gebetsmühlenartig wird der Text immer wieder wiederholt, um in den Belanglosigkeiten zwischen Telefonaten über Autokäufe und Chats über Urlaubspläne bis dato unentdeckte Hinweise aufzuspüren.

Yannick Spanier
© Sandra Then

Am Ende bleibt nur noch Leere übrig. Diese wird gefüllt mit Ungewissheit, Trauer, Wut und offenen Fragen. Ben Frosts Oper kann zwar dank der Erkenntnisse der Forschungsgruppe genaustens nachstellen, was an jenem 6. April passierte, aber auch er muss sich angesichts der verschlossenen Akten geschlagen geben. Dennoch vermochte seine Inszenierung der Geschichte ein neues Momentum zu geben – nicht nur ein faktisches, sondern auch ein emotionales, ergreifendes – die schockierende Seite dieses Falls.

Frosts Musik verlieh in seiner Intensität der Handlung zusätzlich Nachdruck. Inspiriert von einem breiten Spektrum, beispielsweise Schostakowitschs Streichquartette, aber auch Metalbands wie Crowpath und Tool, schuf der besonders für seine Filmmusik bekannte Komponist mit dieser brutalistischen Musik eine Geräuschkulisse, die zwischen streichersatten und von Pauken intensivierten, rhythmisch-wummernden Klängen changiert und in einer Frequenz vibriert, dass man das Echo in der eigenen Brust spürt – nicht nur Handlung, sondern auch Musik gehen einem nah. Im Laufe der sich stets leicht verändernden Erzählungen transformiert sich auch die Musik immer mehr zu an Metal-Musik erinnerndes, dröhnendes Geschrei, das vom verzerrten Hintergrundlärm der Call of Duty-Kriegswelt abgelöst wird, deren Schüsse in der Partitur verwebt wurden. Die Musik ist wenig melodisch, aber äußerst rhythmisch und auch Orientalismen, mit an türkischer Musik angelehnten Klängen, sind zu hören. Dieses Klanguniversum wurde von Florian Groß und den Musiker*innen des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover eindrucksvoll umgesetzt.

Der Mordfall Halit Yozgat
© Sandra Then

Das Team von Forensic Architecture kommt schließlich zu folgendem Ergebnis: „Entweder war Andreas Temme selbst der Mörder oder er hat denjenigen gesehen, der Halit Yozgat getötet hat.“ Diese Oper von Ben Frost ist kein spannungsgeladener Krimi, es gibt kein künstliches Aufbauschen der Geschehnisse oder eine Dramatisierung der Handlung. Stattdessen liefern die minutiös aufbereiteten Erkenntnisse Einblicke in die Hoffnungslosigkeit der Situation, wenn die einzige Person, die zur Aufklärung der Tat beitragen könnte, ganz offensichtlich schweigt oder gar lügt.

Während dank der Recherche viele Fragen beantwortet werden können, wirft der Abend auch neue Fragen auf. Nicht nur nach den wahren Geschehnissen, sondern vielmehr auch nach der Frage unserer gesellschaftlichen Verantwortung, nach Gerechtigkeit und danach, welche Personen schützenswert sind. Die Oper zeigt eine Gesellschaft, gefangen in Vergangenheitsbewältigung, die einerseits „Kein Vergessen“ und „Nie wieder“ skandiert, und der andererseits die Aufarbeitung über solche Taten verwehrt bleibt.

Nachdem einige der Täter*innen des NSU verurteilt wurden, fanden in den darauffolgenden Jahren weitere rassistisch motivierte Terrorakte statt – nicht zuletzt der Mord an Lübke und das Attentat in Hanau. Diese erhöhen den Druck auf den Verfassungsschutz und die kritische Hinterfragung seiner Arbeit, der Besserung und Reformation gelobt. 2044 werden die Akten voraussichtlich freigegeben. Sichtlich zu spät für die Familie von Halit Yozgat, die mit dieser zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit, ihrer Wut und Trauer, leben muss.

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