Beethovens Fünfte, wer kennt sie nicht, einer der Klassiker überhaupt. Die Symphonie erfreut sich größter Beliebtheit und wird wohl in keiner Saison eines Konzerthauses fehlen. Doch dürfte es einigermaßen selten und zugleich spannend sein, das Stück innerhalb zwanzig Stunden von zwei Londonern Orchestern – vom OAE mit historischem Instrumentarium und Aufführungspraxis beim Beethovenfest Bonn, und dem Aurora Orchestra bis auf Trompeten und Pauken mit modernen Instrumenten, und ihrem Markenzeichen, der auswendigen Wiedergabe, nebenan in Köln – zu hören. Wäre das Spielen aus dem Gedächtnis bei diesem Repertoire-Evergreen und Auroras typischer Zugabe inmitten der Zuhörer meistens schon Besonderheit genug, fügt Dirigent Nicholas Collon dem Programm oft ein extravagantes Stück der Moderne bei. In diesem Falle war es HK Grubers Frankenstein!!, das 1978 in Liverpool uraufgeführt wurde.

Nicholas Collon © Jim Hinson
Nicholas Collon
© Jim Hinson

Vor dem Ganzen aber gab es zunächst noch ein bisschen Mozart. Das Publikum wähnte sich scheinbar in Sicherheit. Dabei ist auch die Ballettmusik zu Idomeneo bereits ein Ausschnitt abseits reiner seichter musikalischer Gepflogenheit, vor allem, wenn so frisch mit knackigen Pauken und beweglichen Streichern musiziert wird, als seien die Spieler – schon stehend – und der Dirigent eben selbst die dynamischen Tänzer. Zwar verwunderte, warum das Orchester ihre ansonsten für dieses Repertoire geübte antiphone Aufstellung aufgab – obwohl vor Gruber groß umgebaut wurde –es tat hier jedoch in ihrer Transparenz und ihrem balancierten Zusammenwirken keinen Abbruch, ein feierliches Spektakel zu veranstalten. Einerseits zupackend, bullig, leuchtend, wellig und sehr akzentuiert, andererseits mit warmen, grazil-schlanken Pirouetten von Holz und Streichern in den neckisch-niedlichen Melodietraumbögen. Am Ende rauschte eine sprudelnd-quirlige Coda durch den Saal, die den spaßigen Wahnsinn, der folgen sollte, bereits wohltuend in sich trug.

Für das sogenannte Pandämonium Grubers wuselten nämlich anstatt Noten erst einmal die Mitglieder des Ensembles mit Koffern auf die Bühne, ungeordnet und diskutierend, bis Bariton-Chansonnier Marcus Farnsworth (in der Kluft des 18. Jahrhunderts) anmerkte, das sie sich vor Publikum befinden. Mit dem Griff in seine Kiste voller Spielzeug, aus der er zunächst eine Aufziehmaus hervorzog, die hinter dem Dirigentenpult umherflitzte, begann der groteske Vortrag von H.C. Artmanns Kinderliedern auf Comic- und Horrorgestalten, der dabei ein wenig zu vordergründig blieb. Denn anstatt die hintergründige Warnung vor vermuteter Harmlosigkeit wahrer politischer Monster auf die Spitze zu treiben, wie es HK Gruber in seiner unnachahmlichen Art selbst immer wieder tut, trat man zurück hinter einen operalen Kindergeburtstag, der eben dann bewusst in Inkaufnahme dieses Verlusts nicht den Versuch machte, das Original zu imitieren. So konzentrierte sich die Version, in der drei Lieder (John Wayne, Superman und Batman & Robin) in Harriett Watts englischer Übersetzung vorgebracht wurden, während Farnsworth die restlichen Texte in prägnanter Diktion, ganzem geforderten Einsatz (beinahe mit seinem Zischen, Zoschen, Sausen und Spielen wie ein überdreht durchgeknalltes Kind im Freizeitpark) auf Deutsch, manchmal sogar noch zu schön auskleidete, auf die Interaktion der Musiker.

Diese wurden der Reihe nach verkleidet, begonnen mit dem Fagottisten als Fledermaus, sodass man fortan immer der Erwartung folgte, wer als nächstes an der Reihe sei, als dem musikalischen Gezerre lauschen zu können, das ab und zu Farnsworth überdeckte. Nichtsdestotrotz konnte man sich dem Schmunzeln über die Einfälle der bereitwilligen Ensemblemitglieder nicht entziehen, den Klamauk, in die besungenen Rollen zu schlüpfen, mitzumachen, und nach und nach wie Farnsworth Kolben- oder andere Arten von Kinderflöten oder Melodica zu spielen. Selbst Collon blieb nicht verschont, der – wenn schon – sich mit roter Badehose und Superman-Cape zum Held aufschwang, der einen fetzigen Mambo kreieren ließ. Als sich der Fagottist schließlich mit entsprechendem Kunstgebiss als Vampir enttarnte, die anderen Figuren Knoblauch und Kreuze reckten, lief Farnsworth mit seiner Melodica davon, dazu Gruselgimmick mit Plastikschläuchen.

Genügend Alarmismus und Attacke steckte dann im Allegro con brio und auch Andante con moto des auswendigen Beethovens – jetzt antiphon – mit martialisch-markantem, kompaktem Aurora Orchester, wobei – den direkten Vergleich der Wirkung und Instrumente tags zuvor im Ohr – das Feuer dennoch minimal distanzierter und allein schon durch die Ventilhörner runder und im Kontrast etwas weniger überraschend in die Ohren flackerte. Scharfe Trompeten und Streicher, energisch phrasiert, dramatisierten aber stringente Kraft, die das Düstere, Böse packend in den Raum zog, das nach einer freieren, wendigen, wirklich spannungsaufbauenden Hinleitung zum Finale eine intensive Siegeshymne verjagte. Bis auf die letzte Wiederholung im stetigen à tempo des fulminanten Allegro, schäumten alle vor prustender Festlichkeit und Hoffnung, vor allem das tönende Blech, auch die spritzige Piccoloflöte. Detailreich mit Akzent versehen wurden zu besonderer Freude zudem die portamento-bogenwerfenden zweiten Violinen in der Schlusssequenz, die die Instrumentalisten zwischen dem Auditorium nochmals anstimmten, um sich vor dem Brexit (einem Monster) mit der Überzeugung zu verabschieden, dass Musik verbindet und Menschen zusammenbringt.

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