Ein Hochgenuss für Publikum und Künstler gleichermaßen war das 2. Abonnementkonzerts des Münchener Kammerorchesters im Prinzregententheater. Das Orchester unter der Leitung der elegant und souverän führenden Konzertmeisterin Yuki Kasai hatte den polnischen Anschlagsvirtuosen Piotr Anderszewski nach München eingeladen, um dem verwöhnten Publikum einen delikaten Ohrenschmaus aufzutischen. Die einleitende Suite für Streichorchester, die der glühende Dvořák-Verehrer Leoš Janáček im Jahre 1877 mit nur 22 Jahren komponierte, kommt zwar recht unschuldig und anheimelnd daher, das Münchener Kammerorchester lotete jedoch trotz des zumeist recht flachen kompositorischen Fahrwassers abgesehen von einigen intonatorischen Trübungen klangliche und dynamische Tiefen konsequent aus und versetzte das vollbesetzte Haus rasch in erwartungsvolle Spannung.

Piotr Anderszewski © MG de Saint Venant
Piotr Anderszewski
© MG de Saint Venant

Piotr Anderszewski merkte man bereits beim Betreten der Bühne seine angenehme Bescheidenheit an. Gleich in den ersten Takten des Klavierkonzerts in D-Dur von Joseph Haydn, welches der Pianist vom Klavier aus locker und ohne jegliche Allüren dirigierte, sprang der Funken der Spielfreude auf das Orchester über. Und auf das Publikum, das Anderszewski ein ums andere mal mit seiner unerhört facettenreichen Anschlagskunst entzückte. Er versetzte das Publikum in eine hellwachen Rauschzustand gepaart mit beschwingter Glückseligkeit wie beim Genuss eines wohlgekühlten Jahrgangschampagners. Und so spendeten die glückstrunkenen Zuhörer bereits vor der Pause nicht enden wollenden Applaus.

Gäbe es Michelin-Sterne für Orchester, so hätte das Münchener Kammerorchester für seine Aufführungen zeitgenössischer Kompositionen schon lange einen solchen verliehen bekommen. Immer wieder machen sich die engagierten Münchener Musiker um moderne Kompositionen verdient. So auch beim Werk The Path and the Traces des estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür (*1959). Tüür wohnte im März 2005 während eines Urlaubs auf Kreta einem zweistündigen griechisch-orthodoxen Gottesdienst bei und war sowohl von der Architektur der Kirche in Ierapetra als auch von den Kirchengesängen so beeindruckt, dass er „die sehr intensive, transzendente Qualität“ dieser spirituellen Erfahrung musikalisch umsetzte. The Path and the Traces beschreibt Pfade, auf denen Menschen Spuren hinterlassen haben im Laufe ihres Lebens und zeichnet diese Pfade gleichsam in die Rundbögen der kretischen Kirche. Das Münchener Kammerorchester verstand es eindrucksvoll, diese Spuren und Pfade in den unterschiedlichen Stimmgruppen nachzuzeichnen. Die von atmosphärischen Klangflächen geprägte Komposition erfährt ihre Struktur durch auf ebbende und sogleich wieder verklingende Glissandi und nur ab und zu durch metrisch gefasste Passagen. Die Orchestermusiker hatten sich ganz offensichtlich intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt und nach eigener Aussage sogar den Komponisten kontaktiert, um einige Unklarheiten in der Partitur erklärt zu bekommen. Diese akribische Vorbereitung sollte sich lohnen, denn vom ersten bis zum letzten Ton gelang eine zutiefst bewegende, beseelte und beseelende Interpretation dieses großartig eigensinnigen Charakterstücks.

Das krönende Dessert dieses exquisiten Konzertabends lieferte wiederum Piotr Anderszewski mit dem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 17 in G-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Brillanter, klanglich differenzierter, witziger, anregender, geschmackvoller und köstlicher kann man dieses Meisterwerk nicht spielen! Oder, um es mit den Worten Clara Schumanns zu sagen, die 1761 an Johannes Brahms schrieb: „Ich konnte mich […] der Tränen nicht erwehren. […] Himmelswonne durchströmt einen da […] während unsereins die ganze Welt umarmen möchte vor Entzücken, dass es einen solchen Menschen gegeben.“ Bravo Wolferl, Bravo Piotr, Bravo Münchener Kammerorchester!

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