Dass sich Mozart am Salzburger Hof, in dessen Diensten er stand, aufgrund seiner Strenge und auftretenden Differenzen wahrlich nie wohl fühlte, wirkte sich erstaunlicherweise nicht auf seine Schaffenskraft aus. Als könne er nicht anders, entstanden 1779 und 1780 gerade zwei seiner bedeutendsten Kirchenkompositionen, wohl im Auftrag des fürstlichen Erzbischofs, wobei spätere Vesperae solennes de Confessore vermutlich auch nach dem zerstrittenen Ausscheiden und Übersiedeln nach Wien seine letzte vollständige Kirchenmusik darstellen.

Laurence Equilbey © Julien Mignot
Laurence Equilbey
© Julien Mignot

Mit der Krönungsmesse, deren Namen sie erst nachträglich durch die spezielle festliche Verwendung erhielt, rückte Laurence Equilbey die beiden Stücke mit ihren Ensembles, dem Chœur accentus und dem Insula Orchestra, in einem Programm in ihre historische, werkliche Nähe. Zudem legte sie ihre erfreuliche Eigenständigkeit, in der Mozart sogar seine anspornende Unzufriedenheit versteckte, offen. Unterscheiden sie sich natürlich in ihrer liturgischen Verwendung und den neuartigen, stärkeren symphonischen Elementen der Messe voneinander (und der etwas aufgestockten Besetzung mit Oboen und Hörnern), sprechen die C-Dur-Tonart, der sechsteilige Aufbau, die gezwungene „Einfachheit“ und die Satzkürze die gleiche Sprache.

Nicht ganz die gleiche Sprache sprachen dagegen Chor und Orchester. Gleich mit dem beginnenden Dixit dominus der Vespern beeindruckte das Insula Orchestra mit einer feinen, knackigen, wachen Frische, akzentuiert und kompakt; Auszeichnungen, die der Chor mit einem etwas müden Sopran sowie einem leicht unspritzigen Nachvornetragen der Vokalität und Phrasieren der musikalischen Linien so nicht bestätigen konnte. Auch wenn die Choristen – nicht ihrem Namen entsprechend – keine allzu starken Akzente setzen konnten, überzeugten sie ab dem Conquassabit-Vers mit nach und nach immer ausgereifteren, dynamischen Schattierungen. Ihre natürlich dennoch auf sehr hohem Niveau befindliche Klangpracht und Verständlichkeit konnten sie in von Equilbey hervorragend austarierter Balance mit dem von Konzertmeisterin Stéphanie Paulet geleiteten Ensemble entfalten. Die Bühne überließ das Orchester durch abermals sofortigen dynamischen Wandel auch den Solisten, die sich im Gloria des ersten Psalms noch etwas statisch in Szene setzten. So hätte auch die harmonisch-fließende Girlande des chorischen „et in saecula saeculorum“ noch spannender und wirkungsvoller sein können.

Im Confitebor und ab Mitte des Beatus vir tauten jedoch Chor und Solisten immer mehr auf, was sich durch immer besser abgestimmte dynamische Variationen ausdrückte, vorgemacht vom wunderbar reagierenden Orchester. Das ließ den Umstand etwas in den Hintergrund treten, dass die Choristen stimmlich zwar einzeln, nicht aber im Tutti wirklich zusammenpassten; gleiches galt auch für die Stimmen Sandrine Piaus und Renata Pokupićs, sie sich mit denen von Benjamin Bruns' und Andreas Wolfs nicht vollends perfekt verbanden. Das machte sich vor allem im Laudate pueri bemerkbar, Mozarts Fugensatz nach altem Stil.

Dem bei Mozart üblichen, dem Sopran zukommenden Soloauftritt verlieh Piau im bekannten Laudate dominum den nötigen Glanz. Samtig und klar, im Rahmen des kirchlichen Korsetts nicht opernhaft wuchtig und vibrato-überladen, adelte sie den lieblich-ruhigen Psalmvortrag mit ihrer ansatzlosen Stimmtechnik, weichen Verarbeitung und dynamischen Schmückung. Dieser Schönheit konnte auch der Accentus-Chor in der Begleitung folgen. Als positive Abschlussnaht glückte ihm dann auch gleich das entgegengesetzte Magnificat, das Equilbey – wie in der Einleitung als Ausdruck eines wütend, trotzigen Kindes angekündigt – mit lauten Pauken, Posaunen und Trompeten zu einem mitreißenden Finale aufwirbelte.

Sandrine Piau © Sandrine Expilly | Naïve
Sandrine Piau
© Sandrine Expilly | Naïve

Gewaltig und straff, mit scharf punktierten Akkorden und knallender Pauke ertönte Mozarts Missa in C, wobei die symphonische Untermalung durch die strukturelle Trennung des festlich-auftrumpfenden Instrumentalparts, des danach raumnehmenden Chors und des zurückhaltenden Solisteneinsatzes bei Laurence Equilbey klar herausstach. Benoît Laurents Oboe leitete im Kyrie fein zum Solopart über, doch Benjamin Bruns' hoch timbrierter, mächtiger Mozart-Tenor wirkte darin leicht härtlich. Im einheitlicheren, dafür noch knackigereren, explosionsartigen Gloria versprühte das Insula Orchestra mustergültig unter Bläser- und Paukengetön die von Mozart implantierte Stimmung aus düsterer Freude, von der sich gerne abermals mehr auf den Chor hätte übertragen können.

Die gewisse Bravheit des Chores blieb auch anfänglich im Credo zu spüren. Dann wurden das Et incarnatus est mit Pokupićs sanft unterordnendem Mezzo und Wolfs maseriert tonerdiger Unprätentiösität zu fetziger Umsetzung der provokativen Orchesterakkorde und das später wiederholte Credo-Motiv im Et resurrexit und et expecto zu Höhepunkten des Zusammenspiels. Ein kerniges Sanctus und fast triohaftes Benedictus untermauerten in wohl gezügelten Planken die spät eingekehrte, passende Lebendigkeit, zu der im Agnus Dei Sandrine Piaus Sopran trat, mit kontrastierender, freier Spannung und Farbe gestaltet. Daraus empor hebt sich das Finale des Dona nobis pacem, mit dem Equilbey die kurze Messe mit triumphaler Ergebenheit beendete.

Obwohl die ineinander strömenden Linien mit homogenerer Klanglichkeit in der Krönungsmesse deutlicher zutage traten, die solistischen Stimmen schöner verschmolzen, das Orchester in Höchstform war und die knackig-kurzen Abschlüsse bravurös punktgenau blieben, fehlte zur Krönung die letzte chorische Frische. Das als Zugabe gegebene und zum Rausschmeißer verwandelte protestantische Alleluia aus Buxtehudes Kantate Der Herr ist mit mir verfestigte diesen Eindruck noch.