Er steht kurz vor seinem 90. Geburtstag und einem wohlverdienten Langzeiturlaub: Bernard Haitink. Nach mehr als 65 Jahren am Dirigentenpult vor den wichtigsten Orchestern der Welt hat er das Recht, ein bisschen müde auszuschauen. Und tatsächlich wirkte er so, als er die Bühne der Kölner Philharmonie am Sonntagabend betrat, an einem Arm eine Helferin, mit Gehstock in der anderen Hand, leicht hustend. Aber die Musik, die er aus dem Chamber Orchestra of Europe und zwei Sängersolisten herausdirigierte, diese unglaubliche spannende, konturreiche, lebendige Musik, zeigte, dass er noch immer viel musikalische Kraft hat und für seine gegenwärtige Fähigkeiten weiter als Meisterdirigent und -interpret gilt.

Bernard Haitink und Anna Lucia Richter in Luzern, 2017 © Julia Wesely
Bernard Haitink und Anna Lucia Richter in Luzern, 2017
© Julia Wesely

Vom ersten Moment an, nachdem Haitink sich leicht auf den Stuhl hingesetzt hatte und seine Arme für die ersten Takte Mozarts Symphonie Nr. 38 hochhob, strahlte er Autorität und Genauigkeit aus. Während der drei Sätzen der Symphonie und nach den 12 Liedern von Gustav Mahlers Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn saß Haitink mit einem unbeugsamen geraden Rücken und breiten Schultern und leitete das Orchester dabei mit sehr effizienten und sauberen Handbewegungen, die intensive aber leicht fühlende Energie vermittelte.

Die Musiker genießen offenbar das Musizieren mit Haitink. Sie nickten mit den Köpfen und lächelten oft und breit, vor allem bei der Mozart-Symphonie. Diese wurde in Prag 1786 uraufgeführt, daher der Spitzname „Prager Symphonie”. Ihre drei Sätzen (Adagio – Allegro, Andante, Allegro) waren untypisch für jene Zeit, sowie die langsame Einleitung (Adagio) des ersten Satzes. Unter Haitink spielte das Orchester das Adagio ziemlich leise, mit kurzen dynamischen Gipfeln innerhalb von Phrasen, aber mit einer spürbaren Spannung, die vorwärts trieb. Und dann – los! Mit dem Anfang des Allegros legte Haitink ein überraschendes spritziges Tempo fest, dessen Gefühl durch alle drei Sätze lief. Im Allegro flossen die verschiedenen Melodien und Kontramelodien in- und auseinander und tauschten dynamische Kontraste aus, und blieben dabei doch verankert. Der zweite Satz, obwohl ein Andante, fühlte sich kaum langsamer an, aber gleichzeitig war er nicht hastig. Die Geiger spielten ihre hinaufschlängelnden Tonleitern mit makelloser Sauberkeit und rhythmischer Ebenheit. Dieses Andante war kein meditativer Spaziergang. Es enthielt keine Sentimentalität, sondern war energisch, leicht, heiter. Alles eskalierte noch weiter im dritten Satz, der positiv rasend war. Es klang wie zwei Personen, die sich Hände haltend im Kreis drehen; fast schien sie an der Grenze des Auseinanderfliegens, aber alles wurde zusammengehalten von einer zentrifugalen Kraft: Haitinks absolut präzises Dirigat.

Im Gegensatz dazu zeigten Haitink und das Chamber Orchestra of Europe bei Mahler, wie sie den Atem in und zwischen den Phrasen ausdehnen konnten. Haitink benutze freilich Rubato, und das Orchester und die Sänger waren trotz dieser flexiblen Beweglichkeit immer im gleichen Schritt mit ihm, was seine Aufmerksamkeit auf jeden Moment des Musizierens und sein durchaus kollaboratives Entgegenkommen mit den Musikern bewies.

Zusammen nahmen sie das Publikum mit durch Mahlers kontrastreiche Vignetten von Liebe, Krieg, Wandern und kindlichen Szenen. Das Orchester hatte seine eigene Persönlichkeit neben den Sängern, und die Solos, wie die geschmeidige Klarinette in Des Antonius zu Padua Fischpredigt, zeigten die Virtuosität der Spieler. Sopranistin Anna Lucia Richter und Bassbariton Hanno Müller-Brachmann teilten viele der Lieder, wobei die Dramatik der dialogartigen Texte betont wurde. Richter sang mit leichter, schimmernder Stimme und großzügiger Expression. Sie spielte die tierischen Protagonisten in Lob des hohen Verstandes mit Begeisterung und schmollte in Verlorene Müh, worauf Müller-Brachmann mit amüsierendem Gleichmut reagierte. Sein Ausdruck war insgesamt mäßig, aber in Kombination mit der Klarheit seiner Aussprache und seinem reichlich lyrischen Phrasen war diese Ernsthaftigkeit bewegend, besonders bei Der Tamboursg'sell.

Nach nur einer Sekunde nach dem letzten Akkord von Trost im Unglück brach das Publikum in heftigen Beifall aus. Ganz am Anfang des Konzerts hat Haitink den warmen Applaus des Publikums mit einer bescheidenen Handbewegung anerkannt, als ob er sagen wollte, hier bin ich, mit was immer ich anbieten kann. Die stehenden Ovationen zeigten, dass er noch viel anzubieten hat. In Zusammenarbeit mit Musikern der höchsten Qualität schenkte er uns ein unvergessliches Erlebnis.

*****