Es hat im ersten Moment so gar nichts mit der sorglosen Fröhlichkeit anderer Mozart-Kompositionen zu tun: das Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll. Nein, hier springt dem Hörer wahrlich nicht die blanke Papageno-Lebensfreude unmittelbar ins Auge. Zu dieser kompositorischen Anlage tat zuletzt auch das NDR Elbphilharmonie Orchester unter seinem Chefdirigenten Thomas Hengelbrock mit einer fein tarierten Interpretation sein Übriges hinzu, um einen dramatischen Kosmos zu erschaffen. Düster, fahl, regelrecht schaurig intonierten die Musiker in ihren jüngsten Abonnementskonzerten in der Hamburger Elbphilharmonie die Anfangsakkorde von Mozarts 24. Klavierkonzert und sollten auch in der Folge dieser Grundstimmung treu bleiben.

Piotr Anderszewski © MG de Saint Venant
Piotr Anderszewski
© MG de Saint Venant

Dass die – wie alle Moll-Tonarten für Mozart sehr untypische – Grundtonart c-Moll von Theoretikern als eine Tonart der Trauer und der Wehmut deuteten, schien Hengelbrock sich nachdrücklich auf die Fahnen geschrieben zu haben und so entwickelte sich der erste Satz alsbald zu einem facettenreichen musikalischen Drama. In den lyrischen Bögen des zweiten Satzes und dem munter im Gestus wechselnden Variationen im Finalsatz lichtete sich die Stimmung hingegen merklich.

Die wahre Hauptrolle spielte aber in diesem Konzert erwartungsgemäß der Solist des Abends. Mit Piotr Anderszewski kehrte dafür einer der gefragtesten Pianisten unserer Zeit zurück zum NDR Elbphilharmonie Orchester. Doch nicht nur das: Zugleich nahm mit dem polnisch-ungarischen Musiker ein echter Mozart-Experte am Flügel Platz und drückte dem Klavierkonzert einen ganz eigenen Stempel auf. Dabei machte sich auf wohltuende Weise bemerkbar, dass Anderszewski regelmäßig als Dirigent und Solist agiert. Immer wieder nahm er unmittelbar Kontakt mit den Orchestermitgliedern auf und musizierte regelrecht kammermusikalisch auf den Punkt genau. Seine brillante Technik erlaubte ihm dabei neben perlenden Läufen und dramatisch auftrumpfenden Forte-Akkorden insbesondere auch das lyrisch-weiche Ausleuchten zurückgenommener Abschnitte. Ein Ohrenschmaus, wie er das Hauptthema im zweiten Satz intonierte, in der zarten Klanglichkeit der Elbphilharmonie verweilte und die Musik atmen ließ.

Unterstützt wurde das insbesondere durch die hervorragenden Holzbläser, allen voran Solo-Oboist Paulus van der Merve, der mit viel Fingerspitzengefühl das Zwiegepräch mit dem Solisten suchte. In einer Besprechung zu Anderszewskis jüngst erschienener Mozart-CD mit dem Chamber Orchestra of Europe heißt es, der Pianist wolle Mozarts Musik von allen Seiten funkeln lassen, so viele Schichten der Musik wie möglich freilegen. Das glückte an diesem Sonntag in der Elbphilharmonie zweifelsohne aufs Beste. Und so nahm es nicht Wunder, dass das begeisterte Publikum sich eine Zugabe erklatschte, eine kleine Miniatur aus der Feder Leoš Janáčeks, das eine ideale Überleitung zum kolossalen Mahler in der zweiten Konzerthälfte bildete.

Thomas Hengelbrock © Florence Grandidier
Thomas Hengelbrock
© Florence Grandidier

Mit dessen Fünften Symphonie nahm sich Thomas Hengelbrock einmal mehr in den letzten Jahren eines der monumentalen Werke Gustav Mahlers an und zeigte, dass er mittlerweile zu einer eigenen Lesart gefunden hat. Die Dynamiken dabei sorgfältigst auszutarieren und trotz gewaltiger Entwicklungslinien den Blick für die kleinen Gesten zu behalten – so könnte man diese Herangehensweisen versuchen, in Worte zu fassen. Im sich gewaltig auftürmenden ersten Teil bestehend aus den ersten beiden Sätzen agierten die Ausführenden mit wohl dosierter Kraft, nichts gelang effekthascherisch oder gar aufgesetzt. Präsenz zeigte die Blechbläsersektion und vor allem Paukist Stefan Cürlis, der der ganzen Symphonie von Anfang an Kontur und Struktur gab. Die sich keck aneinanderreihenden Episoden und Tänze im Scherzo setzte Hengelbrock sehr bewusst voneinander ab. Als ein herrliches Schmankerl gelang der vom Pizzicato dominierte Walzer, den die Streicher mit Lust intonierten und so buchstäblich zum Tanz baten.

Im so berühmten Adagietto, das Mahler letztlich als ein Liebeslied für seine Frau Alma komponiert hat, verzichteten die Musiker erfreulicherweise auf zu großes Pathos, ließen die Musik dafür ganz für sich sprechen. All seine Fähigkeit, packend zu musizieren und große Steigerungen genüsslich auszuspielen, zeigte Hengelbrock schließlich im fünften und letzten Satz: Die immer neu ansetzenden Aufschwünge gelangen durch die Bank weg packend und dynamisch. Herrlich, mit welcher Lust schließlich der letzte, gewaltige Bläserchoral in die fulminante Stretta mündete und die Symphonie furios zu Ende gehen ließ. Wenn der Dirigent und Mahler-Freund Willem Mengelberg einst in seiner Partitur über dieses Finale notierte „Schluss wahnsinnig vor Freude und Glücksgefühl. Spielfreudigkeit – unbekümmertes Musizieren“, so hatte er möglicherweise genau so ein Aufspielen wie in der Elbphilharmonie vor Ohren.

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