Welches war bloß das Zentrum dieses Konzerts bei den Salzburger Festspielen? Mozarts Requiem oder Ligetis Lux aeterna? Es wäre spannend gewesen, wenn man beide mit einander verbunden hätte. Manfred Honeck ließ nämlich das Requiem an der Stelle abrupt enden, wo Mozart zu komponieren aufgehört hatte – nach dem achten Takt im Lacrimosa. Hier unmittelbar Ligetis Lux aeterna folgen zu lassen, hätte Sinn ergeben: nach der aufgewühlten Dramatik des Mozartschen Confutatis und den wenigen Takten der tränenreichen Klage des Lacrimosa, dem finalen Moment in Mozarts Komposition also, plötzlich der einschneidende Übergang zu György Ligetis ruhig fließenden körperlosen Klängen, dem ziellosen Dahinströmen von Klangclustern, die von irgendwoher kommen und irgendwohin wieder verschwinden, einer anscheinend ewigen Polyphonie aus leuchtendem Klang – das hätte ein spirituelles Hörerlebnis werden können!

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Katharina Konradi und Manfred Honeck
© SF | Marco Borrelli

Leider war das Programm dieses Konzerts aber anders konzipiert. Zwischen Lux aeterna und dem Requiem nämlich abwechselnd als ein Sammelsurium aus kleineren und größeren Kompositionen Mozarts, ergänzt um Gregorianische Choräle sowie einen Brief Mozarts an seinen Vater, Auszügen aus der Offenbarung des Johannes und zwei Gedichten der Lyrikerin Nelly Sachs. Man hatte Mühe, den Sinn des Ganzen auf einen Nenner zu bringen. Außer, dass es sich um den Gedanken „Lux aeterna, lux perpetua” handelte. Oder auch „Memento mori”, also vielleicht ein imaginiertes Requiem für Mozart selbst, der bekanntlich über der Komposition starb? Und der seinem Vater wenige Wochen vor dessen Tod schrieb, er lege sich nie zu Bett, ohne zu bedenken, dass er vielleicht „den nächsten tag nicht mehr seyn” könnte. Martin Schwab las diesen Brief ebenso emotionslos, wie er vielleicht gemeint war, denn tatsächlich war der Tod in jener Zeit den Menschen wohl mehr vertraut als uns heute. 

Viermal in diesem Konzert sang das Ensemble Cantatorium aus München Gregorianische Choräle aus dem Off mit ein wenig Hall von fern; da war ein Hauch von Mystik zu spüren, auch als inmitten des Konzerts und vor allem am Schluss dreimal eine Glocke schlug. Der Chor des Bayerischen Rundfunks intonierte höchst sensibel und klangschön Ligetis 16-stimmiges Lux aeterna – wie aus dem Nichts kommend, zuerst leise und zart, in der Mitte anschwellend und zum Schluss hin morendo wieder im Nichts verklingend.

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Chor des Bayerischen Rundfunks
© SF | Marco Borrelli

Es folgte der besagte Mozart-Brief und seine Maurerische Trauermusik, ein Stück ohne religiösen oder gar liturgischen Bezug, aber eine Musik der Klage, der die Camerata Salzburg vor allem mit den drei Bassetthörnern und dem Kontrafagott eindrucksvoll die nötige Schwere und Düsternis gab. Im Kontrast dazu folgte aus Mozarts Salzburger Zeit ein Laudate Dominum in seligem F-Dur, das Katharina Konradi begleitet von der Camerata und dem BR-Rundfunkchor in natürlicher Klarheit sang. 

Nach zwei Gedichten von Nelly Sachs, der fast vergessenen jüdische Lyrikerin und Nobelpreisträgerin, deren hermetische Texte sich wohl vielen im Publikum nicht leicht erschlossen, kam das Konzert zum eigentlichen Kern, den der Programmtitel versprach – zu Mozarts Requiem. Allerdings in der Form des von ihm hinterlassener Torsos, denn die vier letzten Abschnitte wurden von Franz Xaver Süßmayr aus dem vorgefundenen Material vervollständigt und in die Form gebracht, die heute gewöhnlich als Mozarts Requiem aufgeführt wird. 

Leuchtete diese Form auch ein, so war sie ungewohnt und ungewohnt war auch Manfred Honecks Auffassung von dieser Musik. Mit der Dynamik ging er unorthodox um und weitete die Spanne (im Text zwischen Piano und Forte) erheblich aus. Gewaltig strürmendes Fortissimo im Dies irae und kaum vernehmbares Pianopianissimo in der Orchesterbegleitung beim Tuba mirum wirkte etwas opernhaft maniriert und im Verhältnis zum Ganzen wenig organisch entwickelt. Überzeugend war der Gedanke, im Tuba mirum den Solisten in einer der Arkaden der Felsenreitschule zu positionieren. Wenig überzeugend wiederum war, die Musik vor dem Dies irae durch die Lesung aus der Apokalyse zu unterbrechen – eine überflüssige Verdoppelung.

Die Solistinnen und Solisten gaben ihr Bestes, das Orchester konnte nicht immer eigenständiges Profil entwickeln, da Honeck es stellenweise zu sediertem Spiel verurteilte. Misslungen war Mozarts Motette Ave verum corpus, die im Tempo verschleppt und im Klang breiig dieses sehr uneinheitliche Konzert abschloss.

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