Ein Werk zu finden, das im Konzertprogramm vor Mozarts Requiem stehen kann, ist keine leichte Aufgabe. Es soll nicht als billigend in Kauf genommenes Vorspiel im Schatten dieses Geniestreichs stehen, die wunderbare Melancholie des Requiems jedoch auch nicht vorwegnehmen oder zu sehr kontrastieren. Iván Fischer und sein Konzerthausorchester Berlin lösten dieses dramaturgische Dilemma an diesem Abend mit Mozarts Symphonie in Es-Dur.

Iván Fischer © Marco Borggreve
Iván Fischer
© Marco Borggreve

An dieser Stelle kann bereits vorweggenommen werden, dass Fischers musikalisches Konzept voll aufging. Viel Mozart'sche Leichtigkeit und eine winzige Prise von Requiem-Melancholie machten die Symphonie zu einer perfekten Wahl als Meisterwerk vor dem Überwerk. Mit viel Spielfreude und einer feinen Nuancierung ihrer verschiedenen Facetten ehrten Fischer und das Konzerthausorchester die musikalische Eigenständigkeit des Werkes, das übrigens erst 1788 entstand und damit, wie auch das Requiem von 1791, zu Mozarts späten Werken zählt. Neben ihrer zeitlichen Entstehung birgt das Werk noch einige weitere Besonderheiten: Die Klarinetten wurden hier zum ersten und einzigen Mal von Mozart als Obligatinstrumente eingesetzt und prägen den Gesamtklang entscheidend. Ein weiteres auffälliges Merkmal ist der langsame Beginn des Kopfsatzes, der so nur in insgesamt drei Mozart-Symphonien zu hören ist.

Das Konzerthausorchester begann die Symphonie dann auch wirklich recht bedächtig, in mäßiger Lautstärke und mit ebenso mäßigem Tempo. Es genoss die Langsamkeit und schwelgte mit Fischer in jeder einzelnen langen Note, ohne dabei aber an anderer Stelle Abstriche in der Präzision zu machen, zum Beispiel bei den rasch herabsteigenden Violinbewegungen. Im Andante con moto bezauberten die zarten Streicherklänge; die Bläsereinsätze kamen hier nicht immer hundertprozentig auf den Punkt, wurden aber im Laufe des Werkes zunehmend agiler und präziser. Der dritte und vierte Satz, im Tempo ab und an fast rasant, glänzten dann durch eine fedrige Leichtigkeit im Spiel des Orchesters. Und dann waren da eben noch diese kurzen, harmonisch eingetrübten Momente in den letzten Minuten des Werkes, die verhinderten, dass der Hörer bei aller Mozart'scher Leichtigkeit vor dem Requiem allzu beschwingt in die Pause ging.

Nun ist Mozarts Requiem natürlich auch deshalb ein spannendes Werk, weil der Komponist bekanntermaßen noch vor dessen Vollendung starb und die Wissenschaft sich bis heute uneins darüber ist, an welcher Stelle Franz Xaver Süßmayrs Komposition beginnt. Unbestreitbar ist jedoch, dass das Requiem vor allem musikalisch sehr beeindruckend ist, was an diesem Abend einmal mehr zu hören war. Bereits der zarte und in seiner zurückgenommenen Schlichtheit im ersten Moment beinahe etwas nüchtern wirkende Beginn des Introitus zeigte: Fischers Interpretation war kein musikalisches Feuerwerk an überschäumender Theatralik, auch wenn er es beim Dies irae dann doch ordentlich krachen ließ. Vielmehr vermittelte Fischer die letzte kompositorische Botschaft Mozarts auf eine subtilere, geradlinige Art und Weise, die dabei jedoch nicht weniger eindringlich war.

Einen großen Anteil daran trug das von Benjamin Bayl einstudierte Vocalconsort Berlin Berlin bei. Mit seinem prägnanten, schnörkellosen Strahl, der dabei aber niemals zu rau oder hart geriet, konnte der Chor den Raum klanglich trotz seiner überschaubaren Größe hervorragend ausfüllen – und das, obwohl der Große Saal des Konzerthauses für Chöre nicht die dankbarste Akustik bietet. Vielleicht war es auch diesem Umstand geschuldet, dass der Chorbass beim Confutatis gern noch etwas massiver hätte ausfallen können, um dem Gesamtklang ein solides, unerschütterliches Fundament zu verpassen. Beeindruckend war es dagegen, wie strukturiert und transparent das Vocalconsort die Fugen im Kyrie oder im Lux aeterna intonierte und dabei dem Orchester noch Raum ließ. Überhaupt war das Zusammenspiel zwischen Chor und Orchester dynamisch und agogisch hervorragend aufeinander abgestimmt.

Auch das Solistenquartett überzeugte im Requiem weitestgehend. Lucy Crowe (Sopran), Sophie Harmsen (Mezzosopran), Jeremy Ovenden (Tenor) und Hanno Müller-Brachmann boten in den gemeinsamen Passagen, wie im Tuba mirum oder im Benedictus, eine klangstarke Homogenität und glänzten auch solistisch durch ihre unaufgeregten, aber einnehmenden Darbietungen. Lediglich Ovenden hatte ab und an ein paar Schwierigkeiten, sich gegen die starken Stimmen der anderen zu behaupten.

Zwischen den Requiem-Teilen hielt Dirigent Fischer übrigens immer etwas länger – fast schon ein wenig zu lang – inne, bis es dann plötzlich doch weiterging. Nur das Agnus Dei und das Lux aeterna ließ er am Schluss nahtlos ineinander übergehen – das Fortklingen der Musik als Symbol für das ewige Licht, von dem der Chor in seinen letzten Zeilen singt? Es steht jedem Zuhörer frei, seine eigene Deutung dafür zu finden. Eins ist jedoch klar: Es war ein beeindruckender Mozart-Abend.