Unter der Leitung des amerikanischen Dirigenten James Gaffigan gelang den Münchner Philharmoniker ein packendes Jagd-Programm, das in all seiner tragischen Komplexität mitriss. Geoffrey Gordons Konzert für Trompete und Orchester mit dem Beinamen „Chase“, das die Philharmoniker für ihren langjährigen Solo-Trompeter Guido Segers in diesem Jahr in Auftrag gegeben hatten, stand Mahlers Sechste Symphonie gegenüber – ein Werk, das auf gewisse Weise ebenfalls eine Jagd ist. Zerrissen von musikalischen Konflikten werden die hellen Momente, die in Mahlers Symphonien fast ausschließlich zu jubelnden Finale führen, in seiner Sechsten stets eingefangen und mit brutaler Härte abgeschnitten – im letzten Satz mit unheilvollen Hammerschlägen.

James Gaffigan © Mat Hennek
James Gaffigan
© Mat Hennek

Die Skulpturen des Picasso-Weggefährten Alberto Giacomettis, die Gordon als Vorlage für sein Trompeten-Konzert nutzt, ähneln sich insofern, da sie in ihren Proportionen vollkommen unrealistisch sind. Ein viel zu kleiner Kopf ruht auf einem dürren langgezogenen Körper. Insgesamt wirken die Skulpturen kantig, fast abweisend. Eine Charakteristik, die sich auch in Gordons Werk wiederfinden lässt. Bei „Chase“ handelt es sich nicht um ein Konzert, das dem Virtuosentum frönen will, vielmehr geht es um energetische Ausdruckskraft, die trotz der modernen, überwiegend düsteren Tonsprache recht greifbar ist und eine gradlinige Stringenz verfolgt. Überhaupt scheint das Werk von einem stetigen Drängen durchzogen, das keine unnötigen Längen zulassen will.

Für den Solisten sieht Gordon verschiedene Instrumente der Trompetenfamilie vor. Im ersten Satz ist dies die Trompete in D, im zweiten das Flügelhorn und im Finale die C-Trompete. Solist Segers brillierte auf allen drei Instrumenten und verstand es, die unterschiedlichen Charaktere der Sätze in sein Spiel aufzunehmen. Nach dem ersten Satz, der geprägt von Tonrepetitionen und vehementen Spitzentönen ist, modulierte Segers den zweiten Satz mit dem weicher klingenden Flügelhorn sehr kontrastierend und mit einem sehr lyrischen Ansatz. Gordon reizte die Möglichkeiten der Instrumente vor allem bezüglich deren klanglichen Spektren aus, dem Segers mit ungeheurer Kontrolle seiner Instrumente mehr als gerecht wurde.

Die anschließende Symphonie Nr. 6 Gustav Mahlers ist nicht weniger komplex und bringt besonders in ihren Ecksätzen die ungewöhnlich harschen musikalischen Konflikte zu gewaltigen Höhepunkten, die im letzten Satz mit zwei Hammerschlägen ihren völligen Zusammenbruch erleben. Manche interpretieren Mahlers wenig Hoffnung spendendes Werk als Vorahnung der Katastrophe, in die Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts steuerte.

Gaffigan und die Philharmoniker gestalteten die vehementen Marschrhythmen des ersten Satzes in einem recht flotten Tempo und machten in ihrer Interpretation deutlich, dass Mahlers „Tragischer“ ein erdiger, unprätentiöser Ton sehr gut tut. Gleichzeitig bedeutet dies keinesfalls den Verzicht auf Emotion, wie sich im Andante zeigte. Sehr überlegt entfaltete Gaffigan die kantablen Linien, die die Philharmoniker gefühlvoll entwickelten. Dabei spielten die Musiker stets kompakt und auch in den Details sehr konzentriert. Im Scherzo, das zwischen strammem Marsch und dezentem Streicherklang mäandert, setzte Gaffigan hingegen auf die groteske Kraft des Satzes, bevor im Finale die musikalischen Konflikte offen aufeinander prallten. Dabei war die klangliche Balance des Orchesters sehr stimmig, die mit kraftvollen Blechbläsern ein starkes Fundament fand.

Gaffigan schaffte es in seiner Interpretation der Sechsten Symphonie einen großen Spannungsbogen zu entwickeln, der Ordnung in die Komplexität der Symphonie brachte und so die Gewaltigkeit des Werkes nicht an dessen Pomp festmachte, sondern vielmehr eine erfrischend klare Linie aufzeigte, die keineswegs auf Emotion verzichten musste.